Die rollende Ego-Show

 

Seit Jahren fährt eine GmbH mit einem spendenfinanzierten Bus durch Deutschland und wirbt für die Einführung von direkter Demokratie. Doch nur wenige Förderer wissen, dass sie einen Hassprediger finanzieren.

von Valerie Lux Schult

Der weiße Doppeldecker- Bus überragt alle anderen Fahrzeuge. OMNIBUS FŰR DIREKTE DEMOKRATIE steht in grünen Buchstaben auf der rechten Fahrerseite dieses wuchtigen Fahrzeugs. Die Abendsonne glänzt auf der goldenen Leiste, die quer über dem Bus angebracht ist. Dieses Riesenauto fährt seit zwölf Jahren regelmäßig mit unterschiedlicher Besetzung durch die Bundesrepublik Deutschland.  Fast jeden Tag hält der Bus in einer anderen Stadt. Das Ziel der Omnibus-Mitarbeiter ist es Unterschriften zu sammeln, damit eine Abstimmung über bundespolitische Sachfragen möglich wird. Volksabstimmungen sind bislang nur auf kommunaler und landespolitischer Ebene möglich, für die Bundesebene gibt es noch kein Gesetz. Wer etwas über die direkte Demokratie erfahren möchte, darf mitfahren. Der Omnibus bietet kurze und lange Mitfahrten für Freiwillige an. Für fünf Tage meldet man sich einmal an, um zu sehen, wie sich die deutsche Volkseele beeinflussen lässt.

Von Lüneburg wird der Bus diesmal über Fulda ins Sauerland fahren. Verantwortlich für jede Tour ist der Busfahrer Werner Küppers. Küppers, 67, schlohweiße Haare, drahtige Figur, fährt und lebt in dem Bus. Wie ein Einsiedlerkrebs seine Muschel mit sich herumträgt, so gehören der Omnibus und Küppers zusammen. Gleich am ersten Tag legt Küppers in Alleinregie die Regeln im Omnibus fest. Die wichtigste Regel: jegliche Kritik ist verboten. Schon nach den ersten fünf Minuten wird empfohlen, man solle lieber gleich abreisen, wenn man die stetigen Qualmwolken seiner Zigaretten im geschlossenen Bus nicht rund um die Uhr ertragen könne. „Ich bestimme, denn ohne mich bleibt dieses Fahrzeug stehen!“ stellt er klar. Wie sind denn die Vorgaben für den allgemeinen Umgang im Omnibus für direkte Demokratie? „Wir begegnen uns im Bus mit Respekt und auf Augenhöhe“ sagt er und scheint von seiner Widersprüchlichkeit nichts zu bemerken.

Küppers Westdeutsche Zeitung
Werner Küppers. Foto: Westdeutsche Zeitung

 

In der oberen Doppeldeckeretage gibt es fünf Betten, die mit roten Laken überspannt sind. Im Flüsterton klären andere Mitfahrern sich gegenseitig über die Angewohnheiten von Küppers auf. Er pflege nackt zu schlafen, deswegen ist er morgens immer der Letzte, der aufsteht. Praktischerweise muss er so auch nie Frühstück zubereiten. Das hindert ihn jedoch nicht daran, beim Verzehr des Frühstücksbrote einen jungen Mitfahrer anzuherrschen, er solle den Mund halten, als sich das Gespräch am Tisch über ein Thema dreht, das Küppers nicht interessant findet. Denn in seiner Gegenwart ist es verboten, über Politik zu sprechen. Juristen und Politologen sind seine Feinde, heißt es später informell in der Omnibus-Administration. Einen Hochschulabschluss hat Küppers nämlich nicht.  „Trotzdem bin ich ein unglaublich gebildeter Mensch geworden“, diesen Satz wiederholt er für sich fast jeden Tag.

In den folgenden Tagen spielt sich immer wieder dasselbe Schauspiel ab. Der Bus fährt auf einen Marktplatz. Küppers springt heraus und stolziert barfuß umher. Wenn jemand stehen bleibt, legt er los und hält einen Monolog über die Arroganz der Politik. „Niemanden, ich sage ihnen, niemanden ist es erlaubt, seine Stimme abgeben!“ Seine Rede trieft von Verachtung und Wut für „die da oben“. Mit weit ausholenden Gesten und wilden Grimassen kann er die vorbeilaufenden Passanten in den Bann ziehen. Menschen passieren das riesige Fahrzeug, nähren sich vorsichtig, schauen skeptisch, bleiben stehen. Küppers genießt ihre ungläubigen Blicke. Sein Auftritt wirkt ein wenig wie der eines Narrs auf einem Mittelaltermarkt. Die Rolle des Narren passt gut zu Küppers, denn seinen Omnibus betrachtet er als Kunstwerk. „Wir machen hier keine Politik“ wiederholt er  verbissen in den folgenden Tagen. Mit der klassischen Verbindung von Politik und Demokratie kann er nichts anfangen. „Wissen Sie, ich bin Meisterschüler von Joseph Beuys“, erzählt er zwei älteren Damen, die sich ihm neugierig genährt haben. Sie nicken beeindruckt. „Und tatsächlich wohne ich schon 17 Jahre in diesem Bus“ erklärt er einem vorbeilaufenden Kleinkind. „Keine Partei möchte doch jemals ihre Macht abgeben! Die verarschen uns!“ doziert er kurze Zeit später theatralisch vor einer Gruppe von Rentnern, die ihm andächtig lauschen. Er ist ein Bühnenschauspieler, der nach Applaus hungert. Beuys prägte der den Begriff „soziale Plastik“ und so möchte auch Küppers seinen Bus verstanden wissen. Die Beuys’sche Kunsttheorie lautet  „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Eine soziale Plastik ist somit ein Mensch, der die Gesellschaft verändert.  Dabei bedient sich die „soziale Plastik“ Küppers nicht der Kunst, sondern einem uralten bekannten Muster aus der Politik: dem Populismus. Seine Attacken zielen ausnahmslos gegen die Demokratie, unter dem Deckmantel von „Kunst“ polemisiert er gegen jeden der sich Volksvertreter nennt. Viele Wutbürger artikulieren ihre Meinung nur noch in digitalen Foren. Rentner Küppers ist ein Populist der alter Schule:  Die Marktplätze in Deutschland bieten ihm Arenen für seine Hassreden. Hier kann er gegen das Repräsentativsystem wettern und für die Einführung der Ich-Demokratie plädieren, der Küppers-Demokratie.

Küppers in seinem Element
Küppers in seinem Element. Foto: Badische Zeitung.

 

Hat Herr Küppers denn schon einmal an einer Bundestagswahl teilgenommen? Diese Frage ist eine Beleidigung für ihn. „Kein Stellvertreter kann jemals über mich bestimmen!“ schmettert er los. Pause. Der Bus ist in einem kleinen Dorf in der Nähe von Fulda stehen geblieben Schwalben ziehen über den Himmel. Die Sonne heizt den Asphalt auf. Es wird auf Menschen gewartet, die sich neugierig dem Bus nähren. Zeit für eine weitere Frage. Heißt das für Küppers, der Staat soll abgeschafft werden? Er runzelt die Stirn: „Das ist mir jetzt zu theoretisch.“ Er dreht sich eine Zigarette und schweigt. In den fünf Tagen der Mitfahrt hat er kein einziges Mal das Wort an seine Mitfahrer gerichtet. Wenn überhaupt Kommunikation zwischen ihm und seinen Teammitgliedern stattfindet, dann weil eine Frage an ihn gerichtet wird. Seine Mitfahrer sind Luft für ihn. Sie bereiten ihm das Abendessen zu, reinigen den Bus mit  einem Spray aus Mikrooganismen und atmen brav ein, was Küppers Zigaretten ausstoßen.

Volksabstimmungen, so heißt es, sollen mehr Pluralität in demokratischen Diskursen ermöglichen. Die unterschiedlichen Perspektiven vieler Menschen sollen zu besseren Ergebnissen führen. Jeder soll sich an der Debatte um politische Entscheidungen beteiligen. Der Omnibus hat einen Förderkreis von etwa 3000 Spendern in Deutschland, die diese Ansicht teilen. Ihr wichtigster Repräsentant für direkte Demokratie vermittelt in seiner täglichen Arbeit jedoch das Gegenteil. „Ich diskutiere nicht mit dir“, ist Küppers Standardantwort. „Ich will nicht mit dir reden“, sagt er jedes  Mal, wenn sich doch ein Gespräch über ein politisches Sachthema zu entfalten droht, dass nicht in einer demütige Frage an ihn mündet.

Auf der Webseite heißt es, Spender für den Omnibus haben verstanden, dass dieser „ein Bürgerorgan ist, dessen Aktionsradius jeder Mensch aktiv mitbestimmen kann“.  Die monetären Zuwendungen der Förderer fließen jedoch nicht in ein basisdemokratisches Projekt, sondern unterstützen einen narzisstischen Rentner auf manischer Tour durch die Bundesrepublik. Es ist fraglich, ob die  Spender wissen, dass sie den Egotrip eines alten Mannes finanzieren, der einfach beleidigt ist, dass noch andere alte weiße andere Männer über ihm an den Schalthebeln der Macht sitzen dürfen. Küppers weiß um die Endgültigkeit seiner Mission. Solange es noch irgendjemanden in Deutschland gibt,  der über ihm stehe „werde ich diesen Bus fahren, bis ich tot umfalle“.

Ein kalter Nieselregen geht über das Sauerland nieder. Der Marktplatz des Städtchens Lennestadt ist menschenleer. Die wenigen Passanten gehen schnell vorbei, um dem kalten Wind zu entkommen. Als Mitfahrer sollte man den Eindruck einer „offensiv gesprächsbereiten Person“ erwecken, wird erklärt. So wird kerzengerade hinter den Stehtischen gestanden. An diesem Tag jedoch möchte kein Passant wissen, was es mit der direkten Demokratie so auf sich hat.

Eine letzte Frage an Küppers. Was sagen die Medien eigentlich über den Bus? „Wir werden doch totgeschwiegen“, braust er auf. „Niemand redet jemals mit uns, weder die Politik, noch die Zeitungen“. Beleidigt zieht er an seiner Zigarette. Kurz reißt die Sonne die Wolkendecke auf. Man sieht einen Mann mit Kamera auf den Bus zugehen. Es folgt ein zweiter mit Notizblock. Kurze Zeit später sitzt Küppers mit vier Journalisten im Bus. Der Populismus hat für heute gesiegt.

 

 

 

Aktuelle Ereignisse mit philosophischen Theorien analysiert / Philosophical theories connected to political news.

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