Archiv der Kategorie: Wilhelm von Humboldt

Bin ich Humboldts Urenkelin?

Wo sind die Dozierenden, die Spaß am Denken haben?

Eine Replik auf die Lehrbeauftragte Christiane Florin: „Bin ich Humboldts Großmutter?“ (ZEIT 47/2015).

Von Valerie Lux Schult.

Es ist schon verzwickt, mit mir und meinen Männern. Und es sind ja in meinem momentanen Fachbereich, der Politikwissenschaft und der Philosophie, fast nur Männer. Sie sind sehr belesen, klammern sich an ihre Aktentasche, schleppen statt einer Wasserflasche einen Kaffee mit sich herum, sie drapieren ihre Krawatte über ihren Bauch, wenn ihnen eine Masse von jungen Menschen im Hörsaal gegenübersitzt. Sie breiten in ihren Vorlesungen einen unglaublichen Wissensschatz vor uns aus. Aber wenn eine junge Studentin sie fragt, ob man Habermas‘ Diskursethik als politische Aufforderung an die Bundestagsdebatten im Jahr 2015 vorstellen darf, lugen ihre Augen verschreckt hinter ihrer Nickelbrille hervor. Dann heben sie ihren Zeigefinger und ermahnen mich erstmal sämtliche Kommentare und Sekundärliteratur zur Kritischen Theorie zu lesen. Sie legen mir da, wie schwierig es ist, in der aktuellen Flüchtlingskrise Position zu beziehen, weil es für die „deontologische und konsequentialistische Ethik“ gleich gut begründete Annahmen gibt. WIR SIND PROFESSOREN, so schallt es mir entgegen, WIR KÖNNEN KEINE AUSSAGEN ZU AKTUELLER POLITIK MACHEN.

Bumm! Leider sind viele Professoren nur die Verwalter ihres Wissens, nicht die Anwender. Fein säuberlich haben sie Theorien in Schubladen in ihrem Gehirn einsortiert haben. Bei Bedarf können sie eine Schublade aufziehen und dieses Wissen an uns Studierende weitergeben. Und das war‘s dann.

Leider bleiben unsere Professoren damit in dem Zustand stecken, den unser Bildungsgroßvater Wilhelm von Humboldt „Schulbildung“ nannte. Denn auf der Schule wird das Wissen nur gesammelt, verglichen und geordnet, so Humboldt. (vgl. Humboldt 1809: 169). Insofern brauchen wir definitiv mehr  Humboldt-Großmütter wie die Dozentin Christiane Florin. Ich stimme Humboldt zu, dass im Unterschied zur Schule auf der Universität niemals bloß Wissen angehäuft werden sollte. Der Erwerb von Erkenntnis funktioniert nicht so, als würde man Kastanien sammeln. Das Sammeln von Wissen, ist zutiefst kontraproduktiv, denn es erstickt die eigene Neugier. Nur die erkenntnisorienterie Wissenschaft aus dem Innern bilde den Charakter, so fasste Wilhelm von Humboldt das zusammen. Und jeder Staat brauche diesen, aus dem Innersten gebildeten Menschen dringend: als Staatsbürger.

Würde an den Universitäten nur Wissen gelehrt, sei alles „unwiederbringlich und auf ewig verloren“ (Humboldt 1810: 258), so Humboldt und so Valerie Lux Schult.

Denn dieser Ausspruch Humboldts ist wahr. Ich will keine Dozenten, die ihr Wissen an mich weitergeben. Ich möchte kein Wissen, sondern die Wissenschaft. Ich möchte, dass die Wissenschaft wieder in ihrer ursprünglichen Deutung verstanden wird: Wissen schafft.

Unser Land, wir Studierenden, wir brauchen inspirierende, mutige DenkerInnen. Wir brauchen Menschen, die Wissen durch Nachdenken schaffen, nicht die, die Wissen durch Reproduktion verlangen. Wir brauchen die Dozierenden, die begeistert in den Hörsaal stürmen und ihre Studierenden fragen: Hallo! Wie sähe unser Land eigentlich aus, wenn wir das Strafrecht abschaffen? Oder Dozenten, die sich die Mühe machen, von Samstag auf Montag ihre Vorlesung umzuwerfen, um zu erörtern, warum Deutschland, nach den Charlie Hebdo-Anschlägen,  nicht den Ausnahmezustand gegen Terroristen ausrufen sollte. Im sachlichen Dialog mit uns Studierenden können die DozentInnen ihre Positionen dann natürlich mit Daten, Empirie und Theorien aus ihrem breiten Schubladenwissen untermauern.

Wissen schafft sich am besten, wenn wir die Erkenntnis aus den Universitäten im Zusammenspiel mit unserer Gegenwart betreiben. Nur mit der Liebe zur Weisheit können geisteswissenschaftliche Professoren das „Glück der Erkenntnis“ hervorrufen.

Wissenschaft kann nicht nur, wie Immanuel Kant behauptet hatte, mit bloßer Vernunft praktiziert werden. Die Schönheit und die Lust am Denken, das ist ein hochemotionaler Akt. Denn es muss erstmal jemand polarisieren, damit wir Studierenden uns verwundert die Augen reiben und unsere eigene Position finden können. Kontrovers und emotional vorgetragene Positionen sind die Initialzündung, damit wir in unserem Denken provoziert werden und einen eigenen reflektierten Standpunkt zu einem Thema entwickeln können.

Und deswegen brauchen wir von unseren Professoren RADIKALE THESEN. Wir brauchen Leidenschaft. Wir brauchen Dozierende, die keine Angst haben. Wir brauchen ProfessorInnen die bereit sind, ihre Positionen im Dialog mit Studierenden zu reflektieren und dann mutig ihre Ansichten im Radio, Rundfunkt und TV vertreten.

Ich vermisse das in Deutschland. Ich vermisse den Spaß am Denken. Denn in meinem ganzen Studium der Politik und Philosophie hatte ich nur sehr wenige Dozierende, deren Lehre von euphorischem Erkenntnisdenken geprägt war. Stattdessen kauten die ganzen Docs und Postdocs lahm ihre Seminarinhalte vor mir herunter. Über eine Verquickung von Wissen und Gesellschaft, darüber denkt kein Dozierender der Geisteswissenschaften nach. Es geht nur darum, die Studierenden so zu konditionieren, dass sie möglichst exakt und genau (männliche) Theoretiker wiedergeben können.

Aber wir werden von den Steuerzahlerinnen bezahlt, über eine gute und gerechte Gesellschaft nachzudenken. Also stehen wir als Universitätsangehörige, in der Pflicht,einen  Lern- und Denkprozess anzustoßen. Die Welt und Deutschland verändert sich jeden Tag und wir, von der Universität, müssen sie reflektierend begleiten. Wenn Christiane Florin in der ZEIT also mutig um die Ecke gedachte Argumentationsstränge von Studierenden fordert, möchte ich, dass sich alle Dozenten in diesem Land um 180 Grad um die eigene Achse drehen und sich selbst fragen: argumentiere ich selber eigentlich mutig? Und wie kann ich mein Wissen eigentlich auf die politischen Umstände im Jahr 2015 anwenden?

Valerie Lux Schult gründete als Ergänzung der akademischen Lehre in Deutschland den Blog theorieleben.de, in der sie aktuelle politische Ereignisse mit philosophischen und sozialwissenschaftlichen Theorien konfrontiert.  

Frau Schults weiterer Blogbeitrag über Humboldts Befürwortung von ERASMUS.

Originalschriften

Humboldt, Wilhelm (1809b/1964): Der Königsberger und der Litauische Schulplan. Schriften zur Politik und zum Bildungswesen Band 4. Darmstadt

Humboldt, Wilhelm (1810b/1964): Ueber die innere und äussere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin. Schriften zur Politik und zum Bildungswesen Band 4. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.