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Selfie-Sticks statt Gewehre. Die wahre europäische Revolution.

von Valerie Schult.

Mit großem Pomp wird dieser Tage die europäische Vereinigung gefeiert. Blaue Fahnen mit gelben Sternchen werden geschwenkt. Jeder europäischer Staatschef bekundigt mit ernster Miene sein Bekenntnis zur Europäischen Union. Dabei tun sich hinter den Kulissen der Gruppenfotos der lächelnden PolitikerInnen große Meinungsverschiedenheiten auf. Die ansteckende politische Fröhlichkeit auf den Bildern, die auf eine gemeinsame Familienzugehörigkeit hinweisen soll, verdeckt zum Beispiel, dass sich ihre Verwandten noch immer nicht auf eine gemeinsame europäische Verteidigungsarmee einigen konnten. Solange noch jedes EU-Mitglied darauf besteht, das spezielle Waffenarsenal seiner eigenen Armee zu behalten, bedeutet das, dass das Bekenntnis zum Frieden in Europa nicht ernst gemeint ist. Oder glaubt man einer Familie, dass sie wirklich eine Familie ist, wenn ihre Mitglieder ständig damit beschäftigt sind, ihre eigenen Waffen abzuzählen, sie aufeinander zu richten und jedes Jahr neue Soldatinnen („natürlich nur für den Notfall“) zu rekrutieren?

25. März 2017: Ist das ein Lächeln? Die Präsidenten v.l.n.r. Joseph Muscat (Malta), Donald Tusk (Polen), Francois Fillon (Frankreich), Paolo Gentiloni (Italien) vor den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Römischen Verträge.

 

Dabei wäre es viel effektiver, die bereits verwundeten Familienmitglieder zu unterstützen. Die Länder, die zum Beispiel ihren Staatshaushalt für Schuldentilgung plündern mussten. Was wäre es für eine Erleichterung, wenn Griechenland seine Verteidigungsausgaben auf 0 % reduzieren und dafür mehr Geld in Krankenhäuser und Kindergärten stecken könnte. Im Gegenzug könnte es die Verpflichtung zu sofortiger militärische Schützenhilfe von seinen Nachbarn Rumänien und Bulgarien erhalten, falls Erdogan wirklich mal durchdreht.

Was könnte Griechenland seinen Nachbarstaaten fűr diese militärische Reserve bieten? Keine Maschinenpistolen, sondern intellektuelle Munition. Ein überzeugender Gedanke, geteilt von mehr als einem Menschen, stellt sowieso die schärfste aller Waffen dar.

Blicken wir auf den ersten europäischen Feministen Platon. Der griechische Philosoph entwickelte radikale Ideen, die auch noch das heutige Armeewesen revolutionieren würden.  Ein funktionierendes Militär, so seine Überzeugung, bestehe aus kriegerischen Frauen und Männern gleichermaßen. Die Mitglieder einer Gesellschaft, die für die „Wächter“ der europäischen Gemeinschaft bestimmt sind, wűrden vom Babyalter an gemeinsam erzogen. Der Staat wacht über ihre kriegerische Erziehung und passt auf, dass sich im Erwachsenenalter nur diese stärksten Soldatinnen untereinander paaren, um  gesunde Kriegerkinder zu erzeugen. Nur an bestimmten Feiertagen sollte nur die sexuelle Vereinigung mit mehreren (!) erlaubt sein, damit sich keine familiären Abhängigkeiten bilden, so Platon. Damit niemand mehr weiß, welches Kind zu einem gehört, sollen die Kinderin Ganztagskinderkrippen aufwachsen und wieder zu Kriegerinnen ausgebildet werden. Mit dieser Anonymität stelle man sicher, dass die Soldatinnen für die Gemeinschaft im Ganzen kämpfen und nicht nur für ihre eigenen Kleinfamilien, so Platon. Die KriegerInnen sollten in vollkommener Freiheit und Unabhängigkeit leben, die verschiedenen sexuellen Querbeziehungen das Militärwesen stabilisieren. Dass Platon diesen vorchristlichen 68-ger-Liberalismus gekonnt mit elitärer Eugenik verbindet,  ist sicherlich einmalig unter europäischen Denkern.

Platon, auf die heutige Zeit űbertragen, bedeutet paneuropäische Feiertage, in denen sich die Armeeangehörigen aller 27 EU-Mitgliedsstaaten treffen, um gemeinsame Kuschelpartys zu feiern. Das könnte tatsächlich den Anfang eines stabilen europäischen Friedens darstellen. Französische Soldaten, die ein Kind mit polnischen Soldatinnen zeugen, würden sicherlich nicht mehr gegenseitig die Waffen auf sich richten. Ein „European Military Tinder“ könnte sicher stellen, dass sich nur die Stärksten der Stärksten paaren.

Aber platonische internationale Kindergärten auf der ganzen geographischen Fläche von Europa mit Brüsseler Überwachungsdekret? Warum eigentlich nicht? Wenn Kinder sich schon in der Früherziehung mit Altersgenossen anderer Nationen auseinandersetzen müssen, würde das tatsächlich die interkulturelle Kompetenz schulen.

Damit die Staats- und Regierungschefs auf den Gruppenfoto zum 70. Jubiläum in einer Dekade wahrhaftig herzlich miteinander lachen und nicht nur verkrampft ihre Lippen zusammenpressen, braucht es einfach drastische Maßnahmen.  Damit ihre Soldatinnen auch lächeln können, müssten zuallererst die europäischen Verteidigungsminister ihr nationales Militär mit Selfie-Sticks statt bedrohlichen Gewehren ausrüsten. Gemeinsames Lächeln in die Kamera: Das wäre der erste Schritt zu einer wirklichen europäischen Verteidigungsarmee. Auch Armeen müssen sich dem Zeitalter der Digitalität anpassen. Es geht beim Zielen aufeinander nicht mehr um den Kugelschuss, sondern um den gemeinsamen Fotoschuss. Für jedes gemeinsames Selfie-Bild mit der Soldatin einer anderen Nation, schrumpft das Budget jedes nationalen Verteidigungsministeriums proportional um 1%. So einfach kann Politik sein.

Platon: Der Staat. (456a ff). Reclam.