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Das VW-Auto an sich ist böse

Warum Martin Winterkorn einfach nichts gelernt hat und wie er sich trotzdem mit Marx retten kann.

von Valerie Lux Schult

Wir Deutschen und unser schmutziger Klapperkasten. Von einstmals tiefer Bewunderung für diese endlos ratternde Blechbüchsenproduktion wenden wir uns jetzt enttäuscht von VW ab. Eine gute Nachricht hat das Ganze: Klimapolizisten existieren wirklich. Sie stehen lauernd bereit, im Dunkeln. Sie warten, bis ein nichtsahnender Unternehmer vorbeikommt. Riechen sie giftigen Nebel, schlagen sie zu. Sie schleudern den Morgenstern, an dessen Ende klirrende Messgeräte baumeln. Unbarmherzig verfolgen die Ritter diejenigen, die sich am Gemeinwohl versündigt haben. Der Philosoph Michael Sandel schlug vor Jahren in einem Artikel der New York Times vor, den Handel mit CO2-Zertifikaten einzustellen. Die Unternehmen würden ihre umweltverschmutzenden Anteile nur wieder verkaufen, etwas dazugelernt hätten sie nicht. Durch den Handel mit Zertifikaten würden sie nicht einsehen, dass Umweltverschmutzung etwas Böses ist. Diese Diagnose lässt sich perfekt auf den heutigen Abgasskandal übertragen: Das globale Umweltregime verdonnerte schließlich auch die Autohersteller zu niedrigen Stickoxid-Grenzwerten. Wenn man als Vorstandschef nicht wirklich einsieht, warum der Zugang zu sauberer Luft ein Menschenrecht ist, versucht man natürlich diese gesetzlichen Vorgaben zu umgehen. Was lernen wir daraus? Solange man nicht aus einer Überzeugung heraus Normen verfolgt, nützen alle Klimaschutzabkommen dieser Welt wenig. Konzerne nehmen sie zur Kenntnis – und machen so weiter wie zuvor. Die deontologische Ethik nach Kant ist aktueller denn je: Nur das gut ist, was wirklich auch gut gemeint ist. Wem die Kantsche Morallehre zu trocken ist, den verweise ich auf Marx. „Ich war es nicht, es war das System!“ wird Martin Winterkorn rebellisch vor der Richterin verlauten lassen, nachdem er Marx heimlich während der Verhandlung unter dem Tisch im Gerichtssaal gelesen hat. In der „Kritik der politischen Ökonomie“ schreibt Marx, dass die Produktionsverhältnisse das  gesellschaftliche Bewusstsein widerspiegeln. Winterkorn wurde also von den Produktionsverhältnissen in den VW-Werken gezwungen, die Abgaswerte zu fälschen: das kapitalistische Dasein bestimmt sein Bewusstsein, nicht anders herum.

Das System zu kritisieren und nicht sein eigenes falsches Verhalten zu durchdenken, ist sicherlich ein guter Rat für den Ex-Vorstandschef. Wir werden weiterhin auf diesem Blog berichten, wie sich Winterkorn hinter den Gefängnisgittern zu einem Systemkritiker par excellence entwickeln wird.

 

Michael Sandel (2012): What Money Can’t Buy. The Moral Limits of Markets. Penguin Books.

Karl Marx (1859): Kritik der politischen Ökonomie. MEW – Karl Dietz Verlag Berlin. Band 13.