Archiv der Kategorie: Michael Foucault

Warum Michel Foucault keinen Facebook-Account hätte

von Constantin Beier

„Facebook setzt sein Wachstum fort und verdient dabei mehr Geld als erwartet.“[1] Zusätzlich zum Gewinn steigerte das Unternehmen außerdem zwischen Juli und September 2014 die Zahl von 1,32 auf 1,35 Milliarden monatliche NutzerInnen.[2] Mit diesen Nachrichten machte Facebook letzte Woche von sich reden. Je mehr NutzerInnen Facebook hat, desto mehr Macht hat es auch über diese NutzerInnen. Die Macht der Geheimdienste über die deutschen BürgerInnen ist mit der Macht von sozialen Netzwerken vergleichbar. Seit diesem Jahr gibt es im Deutschen Bundestag einen NSA- Untersuchungsausschuss, der letztlich erst die Vernehmung eines BND-Mitarbeiters abbrach, weil dieser Kenntnis von Akten besaß, die den Abgeordneten nicht zugänglich gemacht worden waren.[3]

Gunter Dueck beschreibt das von den sozialen Netzwerken und Geheimdiensten dominierte Multimediazeitalter mit drastischen Worten und schneidet die Problematik des digitalen Panoptikums an. Er kritisiert die mit der Expansion sozialer Netzwerke einhergehender Anonymität.

„Wir kümmern uns um Menschen immer weniger. Es liegt daran, dass wir nun ständig mehr mit dem System zu tun haben. (…) Sie sehen alles, was und sobald wir es eingeben. Sie vermessen uns, sie verlangen immerfort Input, Unterschriften, Klicken, ok. (…) Heute sitzen wir wie in Zellen und krümmen uns unter dem Blick des Systems. (…) Die Systeme tracken uns (…). Die Macht ist nicht mehr sichtbar.“[4]

Gunter Dueck spielt somit auf das von Michel Foucault entwickelte Panoptikum-Modell an. Obwohl Michel Foucault das Internetzeitalter durch seinen Tod im Juni 1984 nicht mehr miterlebte, lesen sich seine Texte in Zeiten von Facebook und NSA-Skandal wie Prophezeiungen. In seinem 1975 veröffentlichten Buch „Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses“ analysiert Foucault u.a. die historische Entwicklung der Straf- und Überwachungssysteme und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Vor der Aufklärung, so Foucault, richtete sich die Strafe auf grausame Weise gegen den Körper des Verbrechers. Durch martialische Folter und Hinrichtungen sollte das begangene Unrecht gesühnt und die Allmacht des absolutistischen Souveräns eindrücklich demonstriert werden. Seit der Aufklärung ziele Bestrafung darauf ab, den Geist und die Seele des einzelnen devianten Individuums zu sanktionieren.[5] Mittels Datenerhebung und Überwachung häufte der Souverän Wissen über BürgerInnen an. Der Souverän überwacht seine BürgerInnen in all ihren Lebensbereichen, von der Intimsphäre bis zum öffentlichen Raum. Diesen weit verästelte Überwachung bezeichnet Foucault als Mikrophysik der Macht. Dadurch wird der Bürger in all seinem Tun berechenbar.[6]

Früher wurde Bestrafung, etwa durch öffentliche Hinrichtungen, als Spektakel betrieben. Ab dem späten 18. Jahrhundert verlagerte sich die Bestrafung hinter die Gefängnismauern. In den Gefängnissen, so Foucault, wurde ein Überwachungskonzept nicht nur für die Inhaftierten, sondern für die gesamte Gesellschaft entwickelt. Kontrolle und Disziplinarmacht sind dabei die Garanten für das funktionierende Zusammenleben. Die Überwachung sollte dabei ohne großen logistisch-technischen Aufwand vonstattengehen: Die Gesellschaftsmitglieder und Gefängnisinsassen überwachen und kontrollieren sich gegenseitig. Foucault findet diesen Überwachungsansatz im Panoptikum-Modell des britischen Philosophen und Utilitaristen Jeremy Bentham verwirklicht. Das Panoptikum[7] ist ein runder Gefängnisbau. In der Mitte befindet sich ein Wachturm. Ein einziger Wärter hat dort Einblick in jede einzelne Zelle. Der Wachturm ist nicht einsehbar, dies bedeutet, dass die Gefängnisinsassen nicht wissen, ob sie gerade beobachtet werden oder nicht. Hinzukommt, dass sich alle Insassen ihrerseits gegenseitig beobachten können. Die Macht ist sichtbar, aber nicht einsehbar.[8]

Panoptikum-cc-by-sa-I-Punkt-Friman
Das Panoptikum. Von den Netzphilosophen.org. Foto: I. Friman CC-BY-SA

„Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß, übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber aus.“[9] fasst Foucault zusammen. Das Panoptikum-Modell sieht er als allgemeinen Zustand der Gesellschaft in der Moderne. Durch das Panoptikum kann der Souverän effizienter seine Macht ausüben, da sich die Gesellschaftsmitglieder schon gegenseitig überwachen und bei deviantem Verhalten Alarm schlagen. Machtsteigerung ist nur möglich, wenn die Macht ohne Unterbrechung bis in die elementarsten und feinsten Bestandteile der Gesellschaft eindringen kann.[10] Das Panoptikum ist die Grundlage für den Aufbau einer Mikrophysik der Macht.

Das Panoptikum- Modell erinnert an die Interaktion in sozialen Netzwerken und die Überwachung durch Geheimdienste. Durch Preisgabe der eigenen Identität und Informationen vor der Weltöffentlichkeit trägt das Individuum sogar freiwillig zu seiner eigenen Überwachung bei. Es unterliegt potentiell der ständigen Beobachtung von anderen Nutzern und Geheimdiensten. Der Internetnutzer gleicht darin dem Gefangenen in der Zelle des Panoptikums, da der Geheimdienst als Wärter im Wachturm verborgen bleibt.

Durch die omnipräsente Überwachung nimmt der Mensch diese als Normalzustand hin.

Es ist für den Überwachten in der eigenen Zelle bequem, da niemand mit Gewalt in das digitale Panoptikum gezerrt wurde. Von einer geradezu höflich auftretenden Macht wurden die Internetnutzer in diesen Raum gebeten, von einer Macht, wie schon Foucault schrieb, die Anreize bietet – „verleitet, verführt, erleichtert oder erschwert“.[11] Keine muss sich an die Computer-Welt anschließen – aber der Anschluss bietet vielfältige Möglichkeiten, ohne ihn ist unser Alltag nicht mehr vorstellbar. In diesem Raum totaler Herrschaft übernehmen wir, ausgerüstet mit Smartphones und eingebunden in die sozialen Netzwerke, die Aufgabe uns selbst und andere zu kontrollieren. In Erwartung von Optimierung des eigenen Lebens haben wir uns den technischen Möglichkeiten unterworfen. Sobald Ich etwas von mir im Netz mitteile, stelle ich es einer unter die Prüfung und Beurteilung anderer. Wer sich also im Internet bewegt, gibt fast zwangsläufig Wissen und damit Macht über sich an eine nicht einsehbare Kontrollinstanz- dem Wachturm oder anderen Insassen des Foucault´schen Panoptikum.

Im Zuge der Enthüllungen durch Edward Snowden kam ans Licht, dass US-Geheimdienst und die Bundespolizei FBI Zugriff auf Serverdaten großer Internetkonzerne wie Yahoo, Google, Microsoft, Facebook und Apple hatten.[12] Diese Sachlage beweist die Verknüpfung von IT-Konzernen und den untereinander gut vernetzten Geheimdiensten und ist ein Indiz dafür, dass wir uns im Panoptikum 2.0 befinden.

Um dem Foucault´schen Panoptikum zu entgehen kann jede Einzelne ihren Beitrag dazu leisten: Durch die Nutzung sicherer Browser, spionagefreier Suchmaschinen wie https://duckduckgo.com/ oder https://www.ixquick.com/deu/ und durch den Wechsel zu sicheren E-Mailanbietern sowie der Löschung des Facebook-Accounts. Um wirklich frei zu sein, sollten wir im digitalen Panoptikum dem Wachturm und den Mitgefangenen die Sicht in unsere Zelle versperren.

 von Constantin Beier

Der Autor ist zusätzlich Blogger der Forschungsstelle für IT-Recht und Netzpolitik. Sein Bloggerprofil ist online einsehbar: https://www.for-net.info/author/beier/ .

 

Fußnoten
[1]  https://www.tagesschau.de/wirtschaft/facebook-gewinn-101.html
[2]  vgl. http://www.dw.de/facebook-legt-auf-ganzer-linie-zu/a-18026549
[3]  http://www.heise.de/newsticker/meldung/NSA-Ausschuss-bricht-Vernehmung-von-BND-Zeugen-ab-2426879.html
[4]  Dueck, G. 2006. Informatik-Spektrum. S. 442 (444).
[5]  vgl. M. Foucault 1994. Überwachen und Strafen, Frankfurt a. Main 1994,  S. 14, 25 f.
[6]   vgl. M. Foucault 1994.  S.38, 39.
[7]  Panoptikum: von griech. παν pān ,alles’, und οπτικό optikó, ,zum Sehen gehörend’
[8]   vgl. M. Foucault 1994.  S. 254,256 ff., 268.
[9]   M. Foucault 1994.  S.260; und  http://www.taz.de/Google-Facebook-etc/!130811/ (aufgerufen am 30.10.2014.)
[10] vgl. M. Foucault 1994.  S.267.
[11]  M. Foucault 1982. „Subjekt und Macht“. In Dits et Ecrits. Hg. M. Foucault (Hg.) Bd. 4. Frankfurt a. Main, [2005] S. 286.
[12]  http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/google-chef-eric-schmidt-warnt-vor-folgen-der-nsa-affaere-a-996172.html

 

Literaturverzeichnis

M. Foucault 1994. Überwachen und Strafen, Frankfurt am Main.
M. Foucault 1982. „Subjekt und Macht“. In Dits et Ecrits. Hg. M. Foucault (Hg.) Bd. 4. Frankfurt am Main [2005] .