Die Generationenfrage bei Pulse of Europe

Die proeuropäische Demonstrationsbewegung in Hannover am Anfang und am Ende.

von Valerie Lux Schult.

Ende Februar hatte Tobias genug. Der 22-jährige Student packte seine Sachen und setzte sich in den Zug. Tobias fuhr von Hannover nach Frankfurt um einen zu treffen, der das gemacht hat, was ihm schon lange vorschwebte. Ein älteren Mann, der Menschen versammeln konnte, wie er sich das schon lange wünschte. Menschen denen ein geeintes Europa wichtiger ist als ein gespaltenes Deutschland. Um endlich hysterischen AfD-Populistinnen ein anderes „Volk“ entgegensetzen zu können. Und zwar ein Volk, dass auch an andere Völker denkt und nicht nur an sich selbst. Menschen versammeln, die keine Schönwetter-Salonreden über die Wichtigkeit des europäischen Frieden dozieren und dann doch alle vier Jahre vergessen wählen zu gehen, im profanen Streit über die richtige Temperatur des Ofens für den Sonntagsbraten.  Tobias traf den 44-jährigen Daniel Röder, den Gründer von #pulseofeurope,  der ersten Demonstration für die Europäische Union. 22 Länder sind schon dabei, Frankfurt war Keimzelle dieser länderübergreifenden Protestbewegung. Der Jurist Röder hatte denen ein Forum geboten, die einmal anhand ihrer persönlichen Lebensgeschichte anderen MitbürgerInnen erzählen wollen, warum sie gegen ein Europa mit Grenzen sind. Ohne Logos, ohne Banner, ohne Gewerkschaften und Parteien. Nur Ich und mein Europa. Meine Biographie, mein Kontinent. Von Röder holte sich Tobias den Mut und die organisatorischen Hinweise. Und stieg wieder zurück in den Zug nach Hannover.

Am ersten Mal kamen nur siebzig Leute. Beim zweiten Mal waren es dann schon mehr. Und nach drei Wochen später titelte die HAZ aufgeregt „800 Leute versammeln sich am Steintor“.  Pulse of Europe trifft einen Nerv, auch denen der EinwohnerInnen des Maschmeyer-Schröder-Dickichts Hannovers.

Tobias verbrachte ab jetzt mit seinen KomilitonInnen seine Sonntage auf ihren eigenen Demonstrationen. Draußen, in der Kälte, zusammen mit anderen Menschen. Sie standen da für 500 Millionen andere EuropäerInnen. Passivität und Teilnahmslosigkeit werfen Sozialwissenschaftlern gerne Jugendlichen vor. Eine apathische Snapchat-Instagramm-Mentalität, die nur um eigene Befindlichkeiten kreise. In Hannover waren es jedoch die „erwachsenen“ Berufstätigen, die es Tobias und seinen KommilitonInnen teilweise schwer machten den richtigen Veranstaltungsort zu finden. Nachdem sie erst wegen Sicherheitsbedenken von vor dem Hauptbahnhof verscheucht wurden, zog Pulse of Europe zum Steintor, dass passte der Polizei auch nicht, danach wurden sie auf den Opernplatz in der Innenstadt verlegt. Die Staatsoper Hannover, vor dessen Eingang jetzt die europäischen Versammlungen stattfinden, ließ nur indigniert ausrichten „man möge sich bitte nicht auf ihre Treppe setzen“, wenn man für ein vereintes Europa demonstriere.

pulseofeuroppowolny

An diesem Sonntag, den 30. April 2017 sieht man ein Meer aus grauen Köpfen. Unter strahlend blauem Himmel schwenken RentnerInnen fröhlich ihre kleinen Europafähnchen aus Plastik. Menschen haben sich die blaue Fahne mit den zwölf goldenen Sternen wie einen Schutzumhang über ihre Schultern gelegt. Die  aufgekratzte Stimmung täuscht darüber hinweg, dass Pulse of Europe ab Juli nicht mehr wöchentlich, sondern nur noch einmal im Monat stattfindet. Da die Besucherzahlen bundesweit leicht rückläufig waren, wurde das Veranstaltungskonzept geändert. Pulse of Europe hat sich professionalisiert, das Fahnenlogo jetzt sogar eine eingetragene Marke geworden. Es werden jetzt Bundesversammlungen von Pulse of Europe veranstaltet, zu denen Delegierte abgeordnet werden, aus den Städten, in denen die  Demonstrationen stattfinden. Möglicherweise wird aus der Bewegung sogar eine Partei. Tobias und seine Kollegen sind erstmal froh. Seit Februar haben sie kaum geschlafen. 12 Sonntage haben sie hinter sich, so viele Tage wie die Europaflagge Sterne hat. Die VeranstalterInnen sind junge Menschen, die ein Vollzeitstudium absolvieren. Ihr Publikum besteht aus Alten, die das DDR-Regime und den Nationalsozialismus noch erlebt haben.

Auf dem steinernen Platz wird sich jetzt an den Händen gefasst und Menschenketten gebildet. „Unite, unite Europe“ dröhnt der sonore Bass des italienischen Sängers Toto herüber zu den tanzenden Menschen. Eine über hundert Meter lange Kette, die sich schlangenförmig nach dem Rythmus dieses Schlagers bewegt, mal nach vorne, mal nach hinten. Was viele nicht wissen: der Italiener Toto gewann mit genau dieser Hymne für ein geeintes Europa 1992 den Eurovision-Contest. Vor 25 Jahren haben die Menschen schon einmal geträumt.

Immer freier werden wir
Es ist nicht mehr bloß ein Traum, du wirst nicht mehr alleine sein
Immer höher schwingen wir uns empor
Reich mir die Hand, daß wir zusammen entfliehen können
Europa ist nicht mehr fern

„Unite Europe – Insieme“ (1990) Toto Cutugno

Die Bühne ist eröffnet. Nacheinander darf jeder seine Geschichte erzählen. Kurz vor dem Brexit haben die Veranstalter das Konzept der britischen Speakers Corner aus Londoner Hyde Park nach Hannover importiert: Meinungsfreiheit vor Publikum ohne vorherige Absprache des Sprachbeitrags. Das ist bis zu einem gewissen Grad gefährlich: es gab auch schon Neonazis, die um die Veranstaltung herumschlichen, sich aber letztendlich nicht trauten, auf die Bühne zu gehen.

Heute berichtet Kabarettist Matthias Brodowy dem Publikum, dass, als er mit seiner Familie das erste Mal ohne Anhalten die Grenze nach Dänemarkt überquerten, sie so begeistert waren, dass sie mit ihren Auto umdrehten und gleich noch einmal durch die Kontrolle fuhren. Lachen der Umstehenden. Eine mittelalte Frau mit blonden Haaren weint. „Verdammt, ich habe das doch auch schon einmal ohne Tränen hinbekommen“, sagt sie wütend ins Mikrofon. Sie erzählt, wie ihre Familie  noch lange mit den Folgen zu kämpfen hatte, die die Nationalsozialisten ihren Eltern zugefügt haben. Traumata, die sogar über die nächste Generation weitergegeben worden sind und ihr eigenen Schicksal persönlich beeinflusst haben. „Ich will das nie, nie wieder erleben“, sagt sie. Ab. Applaus. Pulse of Europe schafft einen merkwürdigen Aggregatzustand, den man sonst gemeinhin nicht zur Brüsseler Bürokratie empfindet: emotionale Bindung. Ein gefühlvolles Bekenntnis zu dem Abstraktum der Vielfalt, ausgeformt durch viele persönliche Lebensgeschichten. Pulse of Europe ist ein Cat-Walk für Personen, die in ihrem Leben schon einmal über ihren Tellerrand geschaut haben. Diejenigen, die andere Kulturen lieben, sich weit entfernt haben und wieder zurückgekommen sind. Um den anderen von der Schönheit der Welt hinter der Bergen zu erzählen.

Warum opferst du eine Stunde deines Sonntags für Europa?

Thomas
Thomas Krebil, 24 „Weil jede Religion zu Europa gehört – selbstverständlich auch Musliminnen“.
Bettina
Bettina Wolpensinger, 49. „Weil wir die Zukunft nur gemeinsam gestalten können.“
werles
Marion Wrede 62, und Bernd Wrede 69, “ Weil wir gerne singen. Wir singen die Europahymne „Freude schöner Götterfunken“ – weil wir uns so über Europa freuen und diese Freude lange erhalten bleiben soll“.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s