Das Internet – eine moderne Polis nach Hannah Arendt?

Versuch einer arendtschen Perspektive auf politisches Handeln im Zeitalter moderner Kommunikationsmittel.

Von Adrian Nennich.

#Arabellion, #Gezipark, #Euromaidan – seit einigen Jahren dienen mit Hashtag markierte Schlagworte als Mittel des politischen Aktivismus. Mit einer Weiterentwicklung: Unterstützer schreiben ihre politischen Botschaften mit Hashtag versehen auf ein Pappschild, fotografieren sich damit und stellen diese Bilder ins Netz. Eine große Zahl von Prominenten unterstützte so etwa den #BringBackOurGirls Protest gegen die Entführung von 230 nigerianischen Schülerinnen durch die Gruppierung Boko Haram.[1] Viele Muslime schlossen sich der #NotInMyName Kampagne an, mit der sie sich von den Tatendes Islamischen Staates distanzieren[2]. Doch führt solch ein Protest tatsächlich zu politischen Veränderungen? Kritisiert wird oft, dass diese (einfache) Form der politischen Artikulation keinen nennenswerten Effekt habe. Stattdessen sei sie perfekt für eine Generation, die faul auf der Couch sitze, sich dort über ihr vermeintliches politisches Engagement freue und im Grunde ‚Slacktivism‘ betreibe – “feel-good online activism that has zero political or social impact.“[3]

Solche Kritik greift zu kurz, denn Onlinekampagnen senken nicht das tatsächliche politische Engagement vieler Menschen, sondern schaffen stattdessen eine zusätzliche Möglichkeit, politische Inhalte zu verbreiten und Menschen zu politischem Handeln anzuregen. Mit minimalen Mitteln kann maximale Aufmerksamkeit generiert werden. Und das nicht nur bei Menschen, die sich sowieso für Politik interessieren, sich informieren und politisch aktiv sind, sondern auch bei solchen, die nur zufällig, etwa auf Facebook, über politische Inhalte stolpern.

Im schlimmsten Fall mag diese öffentliche Aufmerksamkeit keinen großen Effekt erzielen, schaden kann sie jedoch nicht. Bestenfalls kann sie ein Problem in den Fokus rücken, dass sonst ignoriert würde. Kannten Sie die Boko Haram vor der Hashtag-Kampagne? Durch öffentliche Aufmerksamkeit kann in der Folge eine Dynamik politischen Handelns entstehen.

Politisches Handeln bei Hannah Arendt

Hannah Arendt beschäftigte sich eingehend mit politischem Handeln. In Ihren Schriften zieht sie häufig die antike Polis heran, die für sie einen idealen politischen Raum darstellte, der politisches Handeln und Sprechen ermöglichte. Kann das Internet heute diese Aufgabe übernehmen?

„Handeln, im Unterschied zum Herstellen, ist in Isolierung niemals möglich”[4], schreibt Hannah Arendt in Vita Activa. Handeln und Sprechen brauchen eine Mitwelt, an die sie gerichtet werden können. Ohne eine solche Umgebung sind sie ihres Sinnes beraubt. Handeln und Sprechen sind eingebettet in eine Realität, die sich aus bisherigen Handlungen und Sprechakten konstituiert, einem Bezugsgewebe zwischen den Menschen. Arendt teilt Handeln in zwei Dimensionen ein: Das Anfangen, welches durch dieInitiative eines Einzelnen geschieht, der eine neue Geschichte beginnt; sowie das Weitertreiben und Vollenden, welches mit Hilfe der Vielen vollbracht wird. Der Eine mag eine Sache anstreben und beginnen, zu deren Durchführung benötigt er aber die Vielen. Dabei liegt die Stärke desjenigen, der anfängt, im Mut zur Initiative, die etwas Neues in die Welt bringt.

Handeln und Sprechen dienen nach Arendt der Enthüllung der personalen Einzigartigkeit eines Menschen. Dieses „Wer-jemand-jeweilig-ist“, das sich „für die Mitwelt so unmißverständlich und eindeutig“[5] in seinem Erscheinen zeigt, bleibt dem Subjekt selbst verborgen: Seine Einzigartigkeit ist nur für Andere, nicht aber für die Person selbst sichtbar. Sie lässt sich nicht reduzieren auf das einmalige Äußere eines Menschen und den ebenso einmaligen Klang seiner Stimme, sondern offenbart sich in seinem Sprechen und Tun. Arendt vergleicht diese Einzigartigkeit mit dem im alten Griechenland etwa von Platon oder Menander beschriebenen Daimon, der einem Menschen während seines ganzen Lebens über die Schulter blickt, welchen er jedoch nie sehen kann.[6]

Um handelnd und sprechend in Erscheinung treten zu können bedarf es einer Plattform, die diese Entfaltung ermöglicht. Arendt idealisiert die antike Polis als Raum, der den Menschen die Gelegenheit eröffnete, ihre einmalige Verschiedenheit zu zeigen, sich auszuzeichnen und unsterblichen Ruhm zu erwerben. Sie überwanden die Vergeblichkeit von Handeln und Reden, indem die Polis die Chance bot, durch das Weitertragen vergangener Worte und Taten diese für folgende Generationen unmittelbar – „in einer immerwährenden Gegenwärtigkeit“ [7]– zu bewahren.

Dieser öffentliche Raum ent- und besteht aus einem „mitteilenden Teilnehmen an Worten und Taten“8. Entsprechend ist die Polis nicht nur ein bestimmter geographischer Ort, sondern vielmehr „die Organisationsstruktur ihrer Bevölkerung, wie sie sich aus dem Miteinanderhandeln und -sprechen ergibt“[8]. Die Lokalität spielt keine Rolle, vielmehr liegt ihr wirklicher Raum „zwischen denen, die um dieses Miteinander willen zusammenleben, unabhängig davon, wo sie gerade sind.“[9] Entsprechend das geflügelte Wort für jene, die aus der Polis auswanderten: ‚Wo immer Ihr seid, werdet Ihr eine Polis sein‘.[10]

Was könnte Arendt am Internet begrüßen?

Drei zentrale Aspekte des Internets könnte Arendt daher durchaus begrüßen. Erstens birgt das Internet das Potential, die Bedeutung von Lokalität zu verringern. Wenn das Internet global und für jeden verfügbar und zugänglich wäre, dann könnte es eine gleiche, demokratische Partizipation ermöglichen, in der, unabhängig vom Standort, jeder Mensch als Sender und Empfänger teilnehmen könnte. So könnte eine den Globus umspannende Öffentlichkeit geschaffen werden. Diese wäre Bedingung für gemeinsames Handeln und Sprechen, an dem – anders als in der auf männliche Bürger beschränkten Polis – jeder Mensch teilnehmen könnte. Allerdings unterliegt der Zugang zum Netz sowie die Gestaltung des Netzes vielen Barrieren. Zum einen gibt es zahlreiche technische und finanzielle Hemmnisse, zum anderen verwehren starke ökonomische und politische Interessen vielen Menschen bewusst den Zugang zu einem freien Internet. Autoritäre Regime etwa haben kein Interesse daran, einen offenen Kommunikationsraum zu schaffen. Die Debatte um die #Netzneutralität[11]zeigt, welch starken ökonomischen Interessen ebenfalls zu einer ungleichen Regulierung des Internets führen können. Zudem gibt es im Netz wie in derGesellschaft hierarchische Strukturen, die die Aufmerksamkeit auf bestimmte Inhalte lenken, während andere peripher bleiben.

Der zweite Aspekt liegt in der Möglichkeit der Initiative. Um den Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen zu beschreiben gebraucht Arendt das schöne Bild eines Gewebes, welches durch jede neue Initiative wie durch einen neuen Faden ergänzt wird. Jeder Mensch bringt in seiner Einzigartigkeit etwas Neues in die Welt und spinnt einen neuen Faden, der sich in den Bestand des großen, bestehenden Gewebes einfügt. Dieser Faden kommt mit anderen Fäden in Berührung, sie reagieren miteinander, verbinden sich und bilden Knotenpunkte. So entsteht ein weltumspannendes, buntes Netz menschlicher Beziehungen, an dem simultan und weltweit permanent weitergestrickt wird.[12]

 

Diese Beschreibung wirkt wie ein Vorgriff auf das Medium Internet, das durch immer neue Beiträge immer weiter wächst – ein entgrenzter immaterieller Raum, der sich zwischen den Menschen aufspannt und in dem jeder Mensch seine Worte und Taten für andere sichtbar machen kann. Jedem Einzelnen, der daran teilhaben kann, bietet es die Chance zur Artikulation. Unabhängig davon ist jedoch, ob ein Thema tatsächlich ein größeres Publikum erreichen kann. Dies hängt von vielen Faktoren ab. Auch im Zeitalter der Globalisierung funktionieren Mechanismen lokaler Betroffenheit (#PrayForParis vs. #PrayForBeirut[13]), der medialen Aufmerksamkeit und andere virale Effekte.

Für Arendt entscheidend ist jedoch das gemeinsame Handeln. Der dritte Aspekt besteht also darin, dass die Initiative des Einzelnen im Internet von einer großen – potentiell globalen – Gemeinschaft rezipiert und weitergetragen wird. In ihrer Heterogenität und Pluralität wiederum multiplizieren die Rezipienten den Impuls des Einzelnen. Dadurch entsteht eine neue Dynamik mit einer unüberschaubaren Anzahl nachfolgender Handlungen.

Bei Demonstrationen sind moderne Kommunikationsmittel heute immer im Einsatz. Einerseits helfen sie bei der Organisation und Koordinierung der Proteste, andererseits bezeugen und dokumentieren sie Akte der Repression und zeigen das gemeinsame Handeln dagegen. Das hässliche Gesicht eines Regimes wird offenbar.[14] Dies kann einerseits schleichend das Bewusstsein und die Einstellung der Bürger verändern oder andererseits in Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis eruptiv zum kollektiven Widerstand führen.

Was würde Arendt kritisieren?

Letztendlich finden große politische Veränderungen jedoch nicht ausschließlich imInternet statt. Die Straße ist das Paradebeispiel, um gemeinsames politisches Handeln zu illustrieren: Flankiert vom Netz, in dem sich der Nährboden für In-Aktion-Treten anreichern kann, kann dort aus geteilten Gedanken gemeinsames politisches Handeln werden. In der Konfrontation, auch unter Einsatz des eigenen Lebens, können Menschen im Kollektiv politische Wirklichkeiten verändern. Das Internet kann als Instrument das politische Handeln vorbereiten und begleiten. Dynamik und Komplexität revolutionären Handelns auf der Straße aber können sich in einem virtuellen Raum nur selten entfalten – Gruppen wie #Anonymous[15], die ausschließlich digital agieren, mögen als Gegenbeispiel dienen.

Für Arendt entscheidend ist, dass sich im Handeln und Sprechen das ‚Wer-einer-ist‘ enthüllt. Durch ein Medium hindurch ist die Enthüllung der personalen Einzigartigkeit nur sehr eingeschränkt erfassbar. Nur in der Direktheit und der Dynamik eines Gesprächs ist für sie die Einzigartigkeit eines Menschen zu begreifen. Die Distanz des Mediums dagegen erlaubt primär das Weitergeben von Informationen, die die Basis für politisches Handeln und Sprechen darstellen. Der persönliche Situations- und Kommunikationskontext jedoch fehlt. Handeln und Reden ist so plastisch und vielschichtig, dass es über ein Medium nicht begreifbar ist.

 

Ist das Internet eine Art moderne Polis?

Kann das Internet heute als Raum dienen, der politisches Handeln ermöglicht? Ist das Internet eine Art moderne Polis? Auf der einen Seite bedarf Handeln für Arendt einer Direktheit, die durch ein Medium wie das Internet nicht gegeben ist. Nur imunmittelbaren Gespräch erscheint ein Mensch in seiner Einzigartigkeit ‚wie-er-jeweilig-ist‘. Ein virtueller Raum wie das Internet kann nicht die selbe Direktheit herstellen, wie sie etwa bei einer Versammlung der Bürger der Polis bestand.

Auf der anderen Seite ist dies nicht entscheidend dafür, dass Menschen initiativ handelnd tätig werden und durch ihr Engagement etwas verändern können. Im offenen Kommunikationsraum des Internets können die politischen Initiativen Einzelner die Unterstützung der Vielen finden. So ermöglicht das Internet das ‚Miteinander-Handeln‘, das für Arendt essentiell ist.

Die eingangs exemplarisch genannten Fälle zeigen, dass das Internet eine Plattform sein kann, um die Aufmerksamkeit der großen Öffentlichkeit auf sonst unbekannte Probleme zu richten und einen Prozess politischen Handelns einzuleiten. Wo diese Öffentlichkeit nicht vorhanden ist, das heißt wo Menschen nicht in Kontakt kommen und sich austauschen können, ist ein Miteinander-Handeln unmöglich. Nur aus dem Miteinander kann dem Handeln dann jene Macht erwachsen, die zu Veränderungen der politischen Wirklichkeit führen kann. Das Internet kann Menschen helfen, ihre Isolation zu überwinden und sich zu organisieren. So kann aus der griechischen Agora ein globaler Marktplatz werden.

 

[1] http://www.spiegel.de/politik/ausland/usa-michelle-obama-ueber-bringbackourgirls-in-nigeria-a-968664.html

[2] http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/589441/Das-Netz-fasst-mehr-als-jede-Strasse

[3] http://neteffect.foreignpolicy.com/posts/2009/05/19/the_brave_new_world_of_slacktivism

[4] Arendt, Hannah (2002): Vita activa oder Vom tätigen Leben. München, Zürich: Piper. S. 234.

[5] a.a.O.: S. 219.

[6] Der Daimon wird oft als eine Personifizierung der Schicksalsbestimmung eines Menschen gesehen. Nach dieser griechischen Vorstellung wird er einem Menschen bei dessen Geburt zugewiesen und begleitet ihn sein Leben lang, bis er ihm schließlich den Weg ins Reich der Seelen weist.

[7] a.a.O.: S. 249.

[8] a.a.O.: S. 248.

[9] a.a.O.: S. 250.

[10] Ebd.

[11] http://www.zeit.de/2015/44/netzneutralitaet-eu-parlament-abstimmung-internet

[12] 12 In dieser Allgegenwärtigkeit erinnert dieses Netz nicht nur der theologisch verstandenen Ubiquität, welche die überall vorhandene Präsenz eines Gottes (oder mehrerer Götter) beschreibt. In der Informatik beschreibt der Begriff Ubiquitous computing die Allgegenwärtigkeit einer rechnergestützten Informationsverarbeitung. Diese kennzeichnet, dass nicht mehr der einzelne Computer an sich Gegenstand der menschlichen Aufmerksamkeit ist, sondern dass das Internet als überall präsente Hilfestellung den Menschen bei all seinen Tätigkeiten unterstützt

[13] http://blog.zeit.de/teilchen/2015/11/16/paris-terror-beirut-twitter-facebook/

[14] Um dem entgegen zu wirken erfolgte beispielsweise während der #umbrellarevolution in Hongkong im Herbst 2014ein gezielter Angriff chinesischer Hacker auf die Smartphones der Protestierenden, siehe: http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-10/hackerangriff-handys-hongkong.

[15] http://www.spiegel.de/thema/anonymous/

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