Angela und Anne. Sind Gefühle in der Politik erlaubt?

 Immanuel Kant befürwortet  Merkels Ausspruch in Anne Wills Talkshow, dass Gefühle nichts in der Politik zu suchen haben.

von Valerie Lux Schult

Im deutschen Bundestag ist es üblich, dass Mitarbeiterinnen ihren unsicheren Ministerinnen sogenannte „Sprechzettel“ in die Jackentasche einstecken. Denn viele Politikerinnen sind neu in ihrem Thema oder haben keine Zeit, sich einzuarbeiten. Wenn man dann eine Bundestagssitzung leiten muss oder ein schwarzes Mikrofon unter die Nase gehalten bekommt, sollte man vorher einen kurzen Blick auf diesen Zettel werfen, um wieder „sprechfähig“ zu werden.

Vor einiger Zeit gab Angela Merkel Anne Will ein Interview. Sie hatte wohl alle zerknüllten Sprechzettel aus ihrer Jackentasche vor der Sendung herausgeholt und sich gründlich über das Thema „Flüchtlinge in Deutschland“ informiert. Ausufernd begann sie ihre Entscheidung zu den offenen Grenzen zu erklären. Als jedoch Anne Will immer wieder nachbohrte, wie denn die Qualität ihrer Beziehung zu dem „Grenzen-zu!“-Querulanten Seehofer sei, huschte ein verärgertes Runzeln über ihre Stirn. „Nerven ist für mich keine Kategorie in der Politik“ antwortete sie nachdrücklich auf Anne Wills Frage, ob sie nicht von Seehofer genervt sei. Diese Antwort Angela Merkels führt uns zu der interessanten Frage, welche Kategorien denn in der Politik gelten. Und ob Gefühle dort eine Rolle spielen. Sich genervt fühlen,  das ist ein Gefühl. Merkel verneint also ihre Emotionen, um sich der Bevölkerung als rationale Akteurin zu präsentieren. Das kaufe ich ihr aber nicht ab. Denn abgesehen von wenigen, vereinzelten Individuen unter uns (wie der gesamten bayrischen Bevölkerung), sind wir doch alle von diesem Raufbold und seiner Trotzigkeit gegenüber Entschlüssen der Bundesebene genervt. Außerdem ist eine Politik, die das Leid der Flüchtlinge durch offene Grenzen lindern möchte, eine zutiefst gefühlvolle Politik – sprich von dem Gefühl des Mitleids geleitet.

KANT
Immanuel Kant

Aber Immanuel Kant würde Angela Merkel in diesem Moment zustimmen. Er überlegte sich: Wass wäre, wenn es einen anderen Planeten gäbe, auf dem Menschen alles was sie denken, im selben Moment, auch laut aussprechen müssten? So ein Zustand der Ehrlichkeit würde nur zu ständigen Streit führen, beantwortete sich Kant die Frage selbst. Da die Menschen keine Engel sind, wäre so ein ehrliches Zusammenleben nicht möglich. Heißt das, Angela Merkel, tut richtig daran, Anne Will nicht zu verraten, dass sie von Seehofer genervt ist? Kant würde hier zustimmend applaudieren, denn für ihn sollen der Staat und seine Akteuere nach den Prinzipien der Vernunft handeln. Gefühle sind aus der dunklen empirischen Welt. Angela Merkel, die sich dem Anschein gibt, ihr Regierungshandeln sei rein von der Vernunft geleitet, entspricht somit Kants Vorstellung eines guten Staates.

Anne und Angela

Aber lieber Kant,  bedeutet ein gutes politische Handeln, dass die  PolitikerInnen nicht auf ihre Gefühle hören? Das wäre doch arg unmenschlich.  Denn der Mensch besteht aus Vernunft und Gefühlen. Wenn Angela sich also als Mensch präsentieren möchte, und nicht nur als rationalitätsgeführtes Wesen, dann sagt sie laut, dass sie sehr wohl genervt sei. Von wem oder was? Wenn schon nicht von Horst, dann wenigstens von Anne und ihren fiesen Fragen.

Immanuel Kant (1789): Aus der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Grundzüge der Schilderung des Charakters der Menschengattung § 109, II. In: „Kant. Ausgewählte Schriften zur  Pädagogik und ihrer Begründung.“ Verlag Ferdinand Schöningh: 1982, Paderborn. S. 84.

4 Kommentare zu “Angela und Anne. Sind Gefühle in der Politik erlaubt?”

  1. Liebe Valerie,

    ich bin mir auch hier nicht sicher, ob mir der Artikel neue Einblicke gebracht hat. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob Merkel ihre Gefühle verneint. Sie sagt vielmehr, dass diese Gefühle nichts in der Politik zu suchen haben. Das sie als Einzelperson möglicherweise (oder möglicherweise auch nicht) von Seehofer genervt ist, sollte ihre politische Entscheidung nicht beeinflussen. Und hier (selten, aber hier) stimme ich Frau Merkel zu. Es bleibt zu fragen, ob das möglich ist, und wahrscheinlich ist es das nicht. Aber in einer idealisierten Vorstellung von Politik sollten wohl (so Frau Merkel, so auch meine Meinung) die Politiker so weit als möglich von ihren Meinungen und Gefühlen als Einzel-Menschen abstrahieren, und sich in ihre Rolle als Vertreterinnen der Bevölkerung, als ausführende Organe des kollektiven Willens (volonte generale, Rosseau, https://de.wikipedia.org/wiki/Volont%C3%A9_g%C3%A9n%C3%A9rale ) fügen. Dieser ist aber kein emotionaler, sondern das Resultat und Aggregat vieler Einzelentscheidungen, EInzelgedanken, Einzelgefühlen.

    So kann Fr Angela Merkel, Privatperson, wohl genervt sein, aber die Bundeskanzlerin sollte dies nicht.

    P.S.: Der von dir angegebene Paragraph 109 in der „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ existiert nicht. Ich vermute, du meinst §14 „Von dem erlaubten moralischen Schein“ ( http://www.korpora.org/kant/aa07/151.html ), in dem ähnliches argumentiert wird. Hättest du den Artikel verlinkt (da die Texte alter, toter weisser Philosophen normalerweise frei im Internet verfügbar sind) wäre dir direkt klargeworden, dass es den Paragraph nicht gibt, und deinen Lesern (in diesem Fall mir) wäre die Arbeit erspart worden, deine Quelle zu suchen.

    1. Leider führen noch nicht alle weißen, toten Philosophen eine digitale Existenz im Internet weiter, weder die wörtlichen Zitate von Hobbes noch Kant konnte ich in den Weiten des Algorithmen ausgraben. Ich werde aber in Zukunft auf das Projekt Gutenberg verweisen, vielen Dank für diesen Hinweis!
      Da dieser Blogbeitrag eine heiter-ironische Glosse ist, und ich nicht steif und fest darauf beharre, dass alle in der Politik jetzt und sofort ihre Gefühle zeigen sollten, sehe ich deine Kritik als begründet an.
      Die interessante Frage die sich jetzt stellt, ist die, ob ein Politiker sich wirklich als Fortsatz eines organischen Volkswillen fühlen kann.
      Rousseau schreibt „Die Politiker bilden sich über die Freiheitsliebe die gleichen Fehlurteile, welche die Philosophen über den Naturzustand ersonnen haben; aufgrund der Dinge, die sie nicht gesehen haben; und sie schreiben den Menschen eine natürliche Neigung zur Knechtschaft hinzu“ (97). Insofern ist der von Merkel vermeintlich imaginierte Zustand als eine poilitische Repräsentatin „aller“, vielleicht doch nur ein Ausdruck ihrer Gefühle: nämlich dass sie ein Volk in Knechtschaft sehen will! :)

      Jean Jacques Rousseau Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen. Hrsg u. Übers.: Philipp Rippel. Reclam: 2010.

  2. Natürlich hat Merkel recht, die Frage der Moderatorin nicht beantworten zu wollen. Eine Frage zu Gefühlem einer bestimmten anderen Person oder deren Handeln gegenüber nicht beantworten zu wollen, heißt weder, zu verneinen, solche Gefühle zu haben, noch sie nicht zu haben. Es heißt nur, dass man, bzw. hier wohl eher frau, statt einer Debatte über Emotionen eine Debatte über Argumente führen will. Und das düfte Kant sicher befürworten – Politik sollte kein Spiel gekränkter Egos sein sondern die reale Lösung realer Probleme.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s