Aristoteles Ärger über die Bundeskanzlerin

Das Verhalten der Kanzlerin zu Homosexuellen widerspricht einer zweitausendjährigen Logik.

von Valerie Lux Schult

Von unserer Kanzlerin ist man einiges gewohnt. Nicht jedoch, dass sie eine halbe Stunde lang mit einem attraktiven Mann auf Tuchfühlung gehen muss. Vor ihr saß der coolste Internetstar des deutschen Netz. Es war Le Floyd von Youtube. Zur Erinnerung: Florian Mundt aka Le Floyd ist ein 27-jähriger Psychologiestudent aus Berlin. Auf Youtube kommentiert er mit betont lustiger Unterhaltung und lauten „What the Fuck?!“-Schreien die Nachrichten. Er ist der flippige Gegensatz zu den stets angespannten und streng wirkenden TagesschausprecherInnen.  Im Interview mit Angela Merkel jedoch redete Floyd auf einmal wieder sehr ruhig und sehr mitfühlend.  So gab er Merkel die Gelegenheit ihre Politik, in weiche Zuckerwatte umwickelt, zu präsentieren.

In Minute 5:45 kam es jedoch zum knallharten Bruch, die Zuckerwatte explodierte. „Ehe ist das Zusammenleben von Mann und Frau. Ich möchte keine Diskriminierung und eine mögliche Gleichstellung, aber mache dann eben an einer Stelle einen Unterschied“   resümierte sie fest und entschlossen auf Le Floyds Frage, wann denn die Einführung der Homo-Ehe komme. Die rhetorische Zuckerwatte kristallisierte sich zu hartem Kandis.

Dass es eine Diskriminierung ist, wenn man seinen Schatz heiraten möchte und nicht kann, liegt auf der Hand, der Unterschied ist eine Diskriminierung. Niemand kann etwas dafür, wenn seine sexuelle Orientierung eine Minderheit in der Gesellschaft darstellt. Schon Aristoteles wusste, dass da was nicht stimmen kann. Angela Merkel hat es nämlich geschafft, in einem Satz sich selbst zu widersprechen: Wenn der Begriff Unterschied inhaltlich einer Diskriminierung gleichkommt (nämlich dass man keine Ehe eingehen darf), dann besitzen beide Begriffe dieselbe Definition. Sie hat damit eine fundamentale Wahrheitstheorie verletzt, nämlich, dass man sich in selben Satz nicht widersprechen darf. Aristoteles, der als erster aufgeschrieben hat, welche Möglichkeiten es gibt, die Wahrheit zu finden, nannte es den Satz des ausgeschlossenen Dritten. Kurz gefasst: A ist A und kann nicht B sein. „Der Mensch kann nicht zur selben Zeit Mensch und Nicht-Mensch sein“, deklamierte das der Urvater der Logik bedeutungsschwer.

Was heißt das für das Interview? Entweder es gibt keinen Unterschied in und dann auch keine Diskriminierung oder es gibt einen Unterschied und eine Diskriminierung wie man Homosexuelle behandelt.  Aber Angela Merkel, die eine Doktorarbeit in Physik geschrieben hat, ist in Aristoteles Augen sowieso verdorben. „Die Physik ist zwar auch eine Wissenschaft“, setzte er hochmütig hinzu, „aber nicht die erste.“ Philosophen stehen halt über BundeskanzlerInnen.

Aristoteles (364 v. Chr.): Metaphysik. Viertes Buch. 1006c und 1005b. (Hrsg.: Ursula Wolf, Rororo. Hamburg, 2007, S. 103, 108).

Merkel, Angela (1986): Dissertation. Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden. Akademie der Wissenschaften, Berlin.

4 Kommentare zu “Aristoteles Ärger über die Bundeskanzlerin”

  1. Hmm… also ich mag sehr, wie du die Gesetze der Logik hier anwenden willst, aber es geht noch nicht ganz in meinem Kopf… Die Gleichsetzung von „Ungleichheit“ und „Diskriminierung“ müsste noch weiter ausgeführt werden bzw. die Implikationen oder Prämissen, die darin stecken… Und auch die Rolle die die staatlich (und religiös) eingesetzte Institution Ehe dabei spielt… Und warum Menschen diese Institution überhaupt wichtig finden… denn erst durch dieses „wichtig-finden“ diskriminiert die Ehe vermutlich, wenn sie nur für Heteros erlaubt ist… könnte der institutionenfreie Mensch von heute nicht einfach sagen: „Ehe, was ist das? Kenn ich nicht, brauch ich nicht, hat einen Ballast von alten Traditionen im Gepäck…“

    Oder geht es um die steuerlichen Begünstigungen? Ist die Diskriminierung eher ökonomisch (Steuerkram) oder gesellschaftlich (Status etc.) zu sehen?

    Ok, es bringt mich zum Denken – danke also dafür!! :-)

  2. Im Englischen wird „to discriminate“ als Verb allein ja auch mit „Unterscheiden“ übersetzt und erst durch die Präposition „against“ zu „diskriminieren“. Somit liegt ja bereits zwischen dem Unterscheiden und der Diskriminierung, allein schon auf sprachlicher Ebene eine Relation.

    Was bei der Politik christlich demokratischer Politiker immer wieder spannend ist, ist die Argumentation aus einer chrislichen Wertvorstellung heraus. Die Debatte um die Homoehe sollte generell in einem säkularen Rahmen geführt werden, und in einem Staat der sich als säkular betitelt sollte auf politischer Ebene generell nicht nach christlichen oder generell religiösen Maßstäben geurteilt werden.

    Die Frage, ob eine Ehe, wie im Kommentar zuvor erwähnt in der heutigen Gesellschaft noch relevant oder notwendig ist, ist ja leider nicht Thema der hier geführten Debatte. Es geht ja lediglich darum, dass jeder das Recht dazu haben sollte, ohne die Ehe an sich zu bewerten. Man sollte sich in Anbetracht dessen allerdings die Entstehung und Entwicklung der Eheschließung genauer ansehen. Hierbei ist festzustellen, dass die Ehe früher eher einem politischen Zweck, nämlich der Erschließung von Land, Recourcen und dem Schließen politischer Bündnisse diente, das Brautpaar in den wenigsten Fällen ein Mitspracherecht hatte, geschweige denn einander geliebt hat. Die Ehe allein aus gegenseitiger Zuneigung und Liebe heraus ist ja erst Mitte des 20. Jahrhunderts populär geworden, wobei dort natürlich auch für die Frau die finazielle Versorgung durch den Mann, vor allem noch in Zeiten vor der Frauenrechtsbewegung eine wichtige Rolle spielte. Wirtschaftlich gesehen hat auch heute eine Eheschließung immernoch Sinn, zum einen steuerlich, aber auch nach Tod eines Ehepartners in Hinsicht auf Auszahlung eines prozentualen Anteils des Einkommens des verstorbenen Partners. Sei es aus Liebe oder aus wirtschaftlicher Motivation, niemand sollte von dem Recht an einer Eheschließung ausgenommen sein.

    Argumentiert man aus dem Standpunkt, die Ehe diene ausschließlich der Zeugung von Nachwuchs, so dürfe es einem heterosexuellem Paar, wovon einer oder beide Partner zeugungsunfähig sind ebenfalls nicht gestattet sein, die Ehe zu schließen. Doch diesem Paar ist es zumindest erlaubt Kinder zu adoptieren. Man sollte vielleicht weiterführend darauf hinweisen, dass homosexuelle Paare im Adoptionsrecht ebenfalls beschnitten sind.

    Anzumerken ist zudem noch, dass sich unsere Kanzlerin gerne mal selbst widerspricht, was immer wieder sehr amüsant ist.

    1. Das Interessante ist, dass wir in einem säkularem Staat leben, die am meisten gewählte Partei dennoch eine christliche ist. Ich finde religiöse Argumente in einem demokratischen Diskurs legitim, wenn ihre Wurzeln offengelegt werden. Dann kann man nämlich auch dagegen argumentieren. Nur im Alten Testament wird männliche Homosexualität verurteilt (18, 22 EU/Lev), nicht jedoch im Neuen Testament, das viel relevanter fűr die Kirche in Deutschland ist. Da aber Angela Merkel noch nicht einmal christlich argumentiert, ist auch hier Hopfen und Malz verloren.
      Ich mag dein Argument zum Verbot bei Zeugungsunfähigkeit der Ehe. Das zeigt doch, wie bigott der ganze Diskurs ist.

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