Ein Theorieleben könnte ein glückliches Leben sein

Warum Theorie und Praxis nicht auseinanderfallen und wir lieber ein „Theorieleben“ führen sollten.

von Prof. Dr. Andreas Roser

„Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“

Das Zitat stammt von Kant[1]. Vermutlich war es sein Fehler, auf die Vorhaltung, seine Ethik tauge nicht für die Praxis, eine Antwort zu suchen. Kants Versuch, Theorie und Praxis zu versöhnen, bestätigte indirekt ihre Unterscheidung. Eine fragwürdige Unterscheidung,  die zu beKant_fotogründen lohnender gewesen wäre,  als sie einfach hinzunehmen. Wer sich entschuldigt, anerkennt den zu entschuldigenden Tatbestand. Warum sollte eine begriffliche Differenz versöhnt werden, wenn die Unterscheidung von Theorie und Praxis ihrerseits nur für die Theorie taugt, nicht aber für die Praxis. Überhaupt: Was veranlasst ausgerechnet Theoretiker ihr eigenes Tun gegen sich selbst auszuspielen? Dass aus einem Denken keine Handlung folgt, kann eigentlich nur Leuten einfallen, die mit Gedanken noch keine Arbeit hatten. Schön für sie, aber übel für die Wissenschaft. Nennt man Praktiker jene, die handeln? Und Theoretiker wären Leute, die vor allem denken? Es soll Menschen geben, die das glauben.

Was wäre denn der Fall, wenn Theoretiker und Praktiker nicht denkend handeln könnten? Wir fänden weder die einen noch die anderen. In den Wissenschaften wird nicht weniger praktisch als theoretisch gearbeitet, wenn gedacht und damit neuerlich gearbeitet wird. Ist Denken etwa unsichtbar, Praxis aber sichtbar? Wer sagt uns denn, dass Praxis sichtbar sei? Ist das Vergangene sichtbar? Und das Zukünftige? Sind ökonomische Prognosen oder politische Theorien gedankliche Konstrukte? Wir leben ständig mit einer unsichtbaren gesellschaftlichen Praxis. Ein verwirrender Zustand, an dem sich abzuarbeiten nicht leicht fällt, wäre nicht bereits der Begriff der Arbeit jener, der geeignet ist, die Differenz von Theorie und Praxis zu überwinden. Reine Praxis bliebe ohnehin unsichtbar, denn sie könnte nicht sagen woher und wohin, ihre eigenen Zwecke und Absichten blieben ihr selbst verborgen. Ausgerechnet die sogenannte praktische Philosophie verpackt in voluminösen Theoriewerken ihre theoriegeladenen Gegenentwürfe zur sogenannten theoretischen Philosophie, die sich ihrerseits sehr praktisch zur Wehr setzt. Eine Realsatire, wenn auch eine verhängnisvolle. Seit deutlich mehr als 2000 Jahren geistert nun diese Unterscheidung von Theorie und Praxis durch die Geistes- und Kulturgeschichte. Hätte Aristoteles seinen Übervater Platon nicht ausgerechnet mit diesem Begriffspaar abgestraft, wäre uns das Doppel-Gemoppel von theoretischer Praxis und praktischer Theorie vielleicht erspart geblieben.

Aristoteles
Aristoteles

Die Kollateralschäden eines Vater-Sohn-Konfliktes beschädigt noch heute unser Denken. Oder sollten wir sagen „beschädigt noch heute unsere Praxis“? Für den platonischen Sokrates war die Rede über Theorie und Praxis noch eine abwegige, denn wer an Beispielen das Denken praktisch einübt, ist allein ein Freund der Weisheit. Weisheit! Die Philosophie, als Liebe zur Weisheit, ist keine Übung in praktischer Weisheit oder hypothetischer Liebe. Die sprichwörtlich gewordene „platonische Liebe“ war alles andere als eine Theorie-Trockenübung. Die Schnapsidee einer Philosophie, als „Liebe zur Theorie“, ist vermutlich der im 19. Jahrhundert verbreiteten philo-hellenistischen Prüderie entsprungen. „Weisheit“ war bei den alten Griechen niemals Lückenbüßer einer begrifflichen Trivialdifferenz und glücklicherweise fanden sich immer wieder Leute, die bestens ohne diesen aristotelischen Sündenfall der Unterscheidung von Theorie und Praxis auskamen. Sprechakt-Theoretiker beispielsweise, denn sie sind der Überzeugung, Denken sei eine Sprachhandlung, sei Handlungssprache. Auch jene Systemdenker, die ganzheitlich zu denken versuchten, hatten ihre liebe Not mit der abstrakten Begriffsdifferenz von „Theorie“ und „Praxis“. Nach ihrer Überzeugung denkt nur, wer konkret denkt. Wer abstrakt denkt, denkt überhaupt nicht, weil das Denken keinen Inhalt hätte. Das – immerhin – ließe sich von Hegel lernen. Und daraus folgt – ja, was eigentlich? Vielleicht dies: Ein Theorieleben, jenseits von Theorie und Praxis, könnte ein glückliches Leben sein.

Andreas Roser, unterrichtet Philosophie u.a. den Universitäten Linz, Wien, Deggendorf und Passau.

[1] In: Kant, I (1793) Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis; Akademieausgabe, VIII, p. 273-277

2 Kommentare zu “Ein Theorieleben könnte ein glückliches Leben sein”

  1. Ein wunderbarer kleiner Beitrag, vielen Dank. In der Tat hat dieser „Vater-Sohn-Konflikt“ des Aristoteles eine unglaubliche Wirkung auf die Aufstellung der Wissenschaften heute… Welch eine Fiktion, dass man ein „interessenloses Betrachten“ von der Praxis trennen könnte… oder sollte.

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