Der Anarchist Bakunin und die Unabhängigkeit Schottlands

Der Anarchist Bakunin ist zwiegespalten, ob sich Schottland abspalten sollte oder nicht.

von Maximilian M.

Michael Bakunin
Michail Aleksandrovič Bakunin; (1814 – 1876), russischer Revolutionär und wesentlicher Mitbegründer des herrschaftslosen Sozialismus und kollektiven Anarchismus. Weitere, ausführlichere Informationen auf: http://www.dadaweb.de/wiki/Michail_Aleksandrovi%C4%8D_Bakunin

Kaum ein Ereignis hat in Europa in den letzten Monaten so hohe Wellen geschlagen wie die schottische Unabhängigkeitsbewegung, welche im Referendum über die Abspaltung Schottlands von Großbritannien im September 2014 gipfelte. Sie scheiterte dort aber mit einer knappen Mehrheit von 55,3 % Nein-Stimmen zu 44,7 % Ja-Stimmen.[1] Aber nicht nur in Schottland gibt es regionalistische Tendenzen und Bestrebungen einen eigenen Staat zu errichten. Viele Gebiete in Europa streben nach größerer odervollständiger Unabhängigkeit. Flandern in Belgien, Südtirol in Italien, sowie das spanische Baskenland und Katalonien wollen unabhängig werden. Wie aber steht die staatskritischste Ideologie und Philosophie überhaupt – der Anarchismus – zu der Etablierung, Gründung und damit auch Vermehrung neuer Staaten? Oder in Persona: Was hätte Michael Bakunin (1814-1876), der berühmt, berüchtigte russische Anarchist und Begründer des kollektiven Anarchismus über die schottische Unabhängigkeitsbewegung gedacht? Wäre er ein Unterstützer oder Gegner dieser Entwicklung gewesen?

Bakunins Theorie gegen Staat und Religion

Bakunin hatte zwei große Feindbilder: Staat und Religion. Beide sind für ihn Mittel zur Versklavung des Menschen. Zur Religion äußert er sich wie folgt:

„Die Gottesidee enthält die Abdankung der menschlichen Vernunft und Gerechtigkeit in sich, sie ist die entschiedenste Verneinung der menschlichen Freiheit und führt notwendigerweise zur Versklavung der Menschen in Theorie und Praxis“.[2]

oder auch:

Wenn Gott existiert, ist der Mensch ein Sklave; der Mensch kann und soll aber frei sein: Folglich existiert Gott nicht.“[3]

In seiner Religionskritik kritisiert Bakunin im Wesentlichen dasselbe, wie am Staat: Autorität und Hierarchie. Der Staat, ist für Bakunin ebenso Ausdruck der Autorität, weil er Menschen quasi sui generis unterdrückt:

„Mit einem Wort, wir weisen alle privilegierte, patentierte, offizielle und legale Gesetzgebung, Autorität und Beeinflussung zurück, selbst wenn sie aus dem allgemeinen Stimmrecht vorgegangen sind, in der Überzeugung, daß sie immer nur zum Nutzen einer herrschenden und ausbeutenden Minderheit gegen die Interessen der ungeheueren geknechteten Mehrheit sich wenden können. In diesem Sinne sind wir wirklich Anarchisten.“[4]

Hierarchien, Minderheitenregierungen (auch in der Demokratie regiert letztlich eine Minderheit über eine Mehrheit, nur ist diese demokratisch legitimiert dazu), Gesetze und Vorschriften, Polizei, Religion, Militär, Imperialismus… das sind für Bakunin alles negative Phänomene, welche sich aus der Anerkennung und Akzeptanz von Staaten als autoritäre und hierarchische Modelle in dieser Welt ergeben.

Kämpferische Regionen: Großbritanniens Föderalismus

In Großbritannien herrschte auf Grund  des Commonwealth-Imperiums lange ein starker Zentralismus: Politisch mussten alle Kolonien im Einklang mit der britische Krone verwaltet werden, dieses Konzept wurde auch in Großbritannien selbst angewendet. Erst 1997 genehmigte Tony Blair den Regionen Wales, Schottland und Nordirland die Gründung eigener Parlamente. Heute betreibt Großbritannien eine Art des Nachfrage-Föderalismus: eine Region muss erst massiv für föderale Rechte protestieren, bevor diese von der Zentralregierung genehmigt werden (oder auch nicht). Aber auch Kommunen innerhalb gewöhnlicher und/oder autonomer Regionen müssen sich ihr Recht auf Gesetzgebung meist erst erkämpfen – in England beispielsweise hat die unterste, staatliche Verwaltungseinheit, die Kommune, bist heute kaum eigene Rechte. In anderen föderalen Systemen, wie der USA oder Deutschland, muss die Bundesebene erst begründen, warum sie eine Gesetzgebungskompetenz notwendiger als die Länder braucht oder besser regeln kann. Dass Regionen und Kommunem (föderale Elemente) ihre Macht und Einfluss London regelrecht abringen müssen, ist das spezifische Merkmal des britischen Föderalismus.[5]

Anarchistische Gemeinschaft: Bakunins Föderalismus

Bakunin ist ein vehementer Befürworter des Föderalismus. Alle Macht sollte weg von einer Zentralregierung, hin zu den Betroffenen. Daher hätte es ihn empört, dass die Regionen ihre Rechte erst von der britischen Zentralregierung mühsam abtrotzen müssen.

Bakunins anarchistische Prinzip ist einfach: Jeder Mensch soll sich selbst regieren können. Gleichzeitig erkennt Bakunin an, dass der Mensch auch ein soziales Wesen ist, welches nur in der Gemeinschaft glücklich ist. Eine anarchische Gemeinschaft bedingt dementsprechend gegenseitige Rücksichtnahme und auch Regeln. Dies ist auch für Anarchisten durchaus akzeptabel, solange der Mensch diese Einschränkungen seiner Freiheit freiwillig, zeitlich begrenzt und niemals allumfassend eingeht. Im staatlichen Ergebnis befürwortet Bakunin daher ein maximal-föderales System mit einer Vielzahl von anarchischen Gemeinschaften in Form autarker Kommunen. Seine politische und ökonomische Utopie einer Gemeinschaft ist stark föderal aufgebaut, „von unten nach oben und von der Peripherie zum Zentrum nach dem Prinzip der freien Assoziation und Föderation.“[6]. Grundlage dieser anarchistischen Ökonomie ist die „absolut autonome Gemeinde […], die immer von der Mehrzahl der Stimmen aller großjährigen Einwohner, Männer und Frauen mit gleichem Recht“ [7]  vertreten wird.

Das Individuum in der anarchischen Gemeinschaft kann (und soll!) durch seine Arbeit, sein politisches Wirken und seine „Stimme“ das eigene Lebensumfeld und die Regeln seiner Gemeinschaft beeinflussen. Die anarchischen Gemeinschaften sind in Verbänden gleichberechtigt zueinander organisiert. Bakunin lehnt ein „durchregieren“ strikt ab, er ist gegen jegiche Weisungsbefugnis von oben nach unten. Politisches Engagement und Kontrolle muss immer aus der Basis der  Gesellschaft kommen. Für Bakunin – und die meisten Anarchisten – ist daher auch unser demokratisches, föderale Konzept letztlich noch viel zu hierarchisch. In Ihrer Vorstellung sind die einzelnen Kommunen (als kleinstmögliche föderale Einheit) autark und selbstverwaltet – im größtmöglichen Sinne eben frei, aber auch eigenverantwortlich.

Bakunin gegen Großbritanniens Zentralregierung

Der zentralistisch organisierte Staat ist für Bakunin Ausdruck des Verlangens nach Effektivität. Die Menschen wollten ihre Probleme möglichst schnell lösen und Wohlstand und Glück vermehren. Dadurch werden sie jedoch immer unfreier.

Aus dem ungebremsten und unreflektierten menschlichen Streben nach Effektivität folgt politischer Zentralismus. Es ist der Versuch, alle Entscheidungsebenen an einem Ort (im Extremfall in einer Person) zu bündeln, um so möglichst schnelle, klare Ergebnisse zu erzielen. Da Bakunin jedoch kaum etwas so zuwider war, wie die Opferung der Ideale Freiheit und der Selbstbestimmung auf dem Altar der politischen Effektivität, hat er sich immer und jederzeit gegen den Machtzuwachs von Staaten und Regierungen ausgesprochen:

„Einen Vorteil gibt es [im Staat] nur für einige tausend Unterdrücker, Henker und Ausbeuter des Proletariats. Für das Proletariat selbst […] sind die Ketten um so schwerer und die Gefängnisse um so enger, je größer [= mächtiger] der Staat ist.“ [8]

Nun bedeutet die schottische Unabhängigkeitsbewegung letztlich eine Schwächung des relativ zentralistischen Staates Großbritanniens. Großbritannien ist immer noch eine Atommacht mit enormen Finanzkapital und ständigem Sitz im Weltsicherheitsrat. Als Anarchist, dessen größtes Feindbild der ‚Staat‘ ist, würde hier die Reduzierung britischer Einflussmöglichkeiten Bakunin sehr recht gewesen sein.

Bakunins Problem: Schottland ist ein neuer Staat

Bakunin, als anarchistischer Freiheitskämpfer, hätte jedoch ein anderes Problem mit der Sezession Schottlands. Die Abspaltung von Großbritannien bedingt die Geburt eines neuen Staates. Die Entstehung eines neuen Staates, bedeutet in der anarchistischen Ideologie nichts anderes, als einen weiteren Gegner, ein weiteres Hindernis. Dieses Hindernis muss überwunden werden, damit die Menschen – aus anarchistischer Sicht – sozialistisch, aber eben frei und und ohne staatliche Regierung leben können.

Regiert werden und frei sein – dies ist für Bakunin ein unlösbarer Widerspruch. Schottland müsste sich (wie alle anderen Staaten auch) in ein Konglomerat vieler kleiner anarchischen Gemeinschaften aufspalten, dann wäre Bakunin (eventuell) zufrieden. Natürlich muss der Mensch in diesen Gemeinschaften auch einen Teil der Macht und seiner Selbstbestimmung an Andere abtretten – aber nur in dem Rahmen der Selbstregierung und auf der Basis der Freiwilligkeit und ständigen Widerrufbarkeit.

Bakunins Befürwortung von Emotionen

Für Bakunin ist es eindeutig, dass nur das Volk bestimmen kann, was gut für das Volk ist. Von diesem Standpunkt aus verteidigt Bakunin auch, dass es richtig ist, Emotionen und Leidenschaften zuzulassen, sie würden den ‚Willen‘ (im Gegensatz zum Verstand) darstellen. Keine Ideologie, kein Dogmatismus, keine subjektiv „erkannte Wahrheit“ darf den Menschen und ihrem Empfinden übergestülpt werden. Dass die schottische Unabhängigkeit für viele Schotten eine Frage der Leidenschaft und eine Frage nach gefühlter Gerechtigkeit war, lässt sich kaum bezweifeln. Auch unter diesem Aspekt hätte Bakunin die Unabhängigkeit Schottlands unterstützt.

Fazit

Als Anarchist hätte Bakunin eine Republik oder eine Föderation einem Zentralstaat jederzeit vorgezogen. Und dies ist letztlich auch das stärkste Argument dafür, dass Bakunin die Unabhängigkeit Schottlands unterstützt hätte. Denn die Zentralregierung in London, bedingt durch die Geschichte des  Commonwealth, ist zu stark zentralistisch. Die Dezentralisierung der Macht, welche eine Sezession und die Unabhängigkeit Schottlands dargestellt hätte, wäre zweifelsohne von Bakunin befürwortet worden. Allerdings darf man sich nicht der Idee hingeben, dass Bakunin damit zufrieden gewesen wäre. Er würde hoffen, dass Schottland sich nicht wieder zentralisiert organisiert. Seine Unabhängigkeit wäre für Bakunin nur ein Schritt auf dem richtigen Weg: in die Richtung anarchistischer Gemeinschaften in einer Welt ohne Staaten.

 

Fußnoten
[1] Tagesschau (2014): Die Schotten haben Nein gesagt, online abrufbar unter: http://www.tagesschau.de/ausland/schottland-222.html (zuletzt überprüft am 06.11.14)
[2] Bakunin, Michael (2005): Gott und der Staat, in: Eckhardt, Wolfgang (Hrsg.): Michael Bakunin. Gott und der Staat. Ausgewählte Schriften Bd. 1, Karin Kramer Verlag, Berlin, S. 50.
[3] Bakunin, Michael (2005): 51.
[4] Bakunin, Michael (2005): 62.
[5] Siehe hierzu: Krumm, Thomas; Noetze, Thomas (2006): Das Regierungssystem Grossbritanniens: eine Einführung, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München, S. 46ff.
[6] Bakunin, Michael (1866): Prinzipien und Organisation der Internationalen Revolutionären Gesellschaft, in: Nettlau, Max (1924): Michael Bakunin. Gesammelte Werke, Bd. 3, Verlag Der Syndikalist, Berlin, S. 9.
[7] Bakunin, Michael (1866): Prinzipien und Organisation der Internationalen Revolutionären Gesellschaft, in: Nettlau, Max (1924): 14.
[8] Bakunin, Michael (1999): Staatlichkeit und Anarchie, in: Eckhardt, Wolfgang (Hrsg.): Michael Bakunin. Staatlichkeit und Anarchie. Ausgewählte Schriften, Bd. 4, 1. Auflage, Karin Kramer Verlag, Berlin, S. 156.
Literaturverzeichnis
Bakunin, Michael (1866): Prinzipien und Organisation der Internationalen Revolutionären Gesellschaft, in: Nettlau, Max (1924): Michael Bakunin. Gesammelte Werke, Bd. 3, Verlag Der Syndikalist, Berlin
Bakunin, Michael (1999): Staatlichkeit und Anarchie, in: Eckhardt, Wolfgang (Hrsg.): Michael Bakunin. Staat-lichkeit und Anarchie. Ausgewählte Schriften, Bd. 4, 1. Auflage, Karin Kramer Verlag, Berlin
Bakunin, Michael (2005): Gott und der Staat, in: Eckhardt, Wolfgang (Hrsg.): Michael Bakunin. Gott und der Staat. Ausgewählte Schriften Bd. 1, Karin Kramer Verlag, Berlin.
Krumm, Thomas; Noetze, Thomas (2006): Das Regierungssystem Großbritanniens: eine Einführung, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München
Tagesschau (2014): Die Schotten haben Nein gesagt, online abrufbar unter: http://www.tagesschau.de/ausland/schottland-222.html (zuletzt überprüft am 06.11.14)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s