Humboldt steht aus dem Grab wieder auf: seine Philosophie überlebt im Bologna-Prozess

Humboldts Bildungsideale wurde im Bologna-Prozess nicht zu Grabe getragen wurde, dass belegen seine Originalschriften.

von Valerie Lux Schult

Im Oktober 2014 wertete die Bundesregierung nach einer kleinen Anfrage der Linken den Bologna-Prozess als Erfolg [1] . Sie verweist auf die gestiegene Zahl von StudentInnen, die im Ausland studieren. Während im Jahr 1998 etwa 45.000 deutsche Studenten außerhalb Deutschlands studierten, hat sich bis 2011 ihre Zahl verdreifacht: Es studieren mittlerweile 135.000 Studierende im Ausland  (ebd.). Fünf Jahre ist es jedoch erst her, dass Proteste von Studierenden unter dem Schlagwort „Uni brennt“ Universitäten europaweit lahm legten. Ihre Kritik richtete sich gegen den Bologna-Prozess. Sie besetzten Hörsäle um gegen die prüfungsintensive Bachelor – und Masterstruktur zu rebellieren, die die freie Atmosphäre an Universitäten in starre Lerneinheiten verwandelt habe. Dementsprechend lautet das Urteil vieler BildungswissenschaftlerInnen, dass Bildungsvater Humboldt sich angesichts der Umstrukturierung in das Bachelor – und Mastersystem im Grabe umdrehen würde.

Meiner Analyse nach gibt es jedoch zwei Kernpunkte in Humboldts Bildungsphilosophie, die uns auch 15 Jahre nach Beginn des Bologna-Prozesses hoffnungsfroh stimmen können. Erstens: Humboldt hält die  länderübergreifende Forschung für einen wesentlichen Aspekt der Einheit der Wissenschaft[2]. Zweitens: die Probleme bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses stiften eine europäische Identität. Zu der länderübergreifenden Forschung kann man erstmal konstatieren: Trotz aller Schwierigkeiten, die bei der länderübergreifenden Anerkennung von Studienleistungen auftreten, besteht eine erhöhte Reisefreudigkeit von Universitätsangehörigen, die positiv für den wissenschaftlichen Fortschritt ist. Studierende können bedeutend einfacher als früher ihren Abschluss in Land A machen, um dann in Land B gleichwertig weiter zu studieren. Die Annahme setzt voraus, dass wir Studierende auch als reisende Forschende begreifen und sie nicht nur als Behälter sehen, in die ECTS-Punkte gefüllt werden sollen.

Die Einheit der Wissenschaft kann nach Humboldt nur durch die Zusammenführung von unterschiedlichen Perspektiven erkannt werden[3]: Es braucht den nach allen Richtungen strebenden Studierenden ebenso, wie die allwissende, aber schon eingefahrene Professorin[4]. Damit verstehe ich Humboldt Bildungsphilosophie in der Weise, dass für die Erkenntnis der Wahrheit eine größtmögliche Vielfalt der Erkennenden gegeben sein soll[5]. Um einen Gegenstand wirklich zu erfassen, braucht es den Blickwinkel aus mehreren Kulturkreisen. Es braucht die Perspektive von jungen und alten, weiblichen und männlichen, südeuropäisch oder nordeuropäisch geprägten Menschen auf einen Forschungsgegenstand. Wissenschaft entsteht nach Humboldt aus der Verbindung der Menschen untereinander[6]. Ein europäischer Forschungsraum, in dem Studierende reisen und forschen, entspricht also dem Bildungsideal Humboldts.

Gedenktafel an der Humboldt Universität, Unter den Linden, Berlin. Quelle: Wikipedia.

Nach einem Jahrhundert abgeschotteter Nationalstaaten in Europa, sind heute die Grenzen gelockert. Unsere Studierenden belegen ein ERASMUS-Semester und lernen andere Kulturen kennen. Damit tragen sie zur Völkerverständigung bei. Sie bringen den Blick ihrer eigenen kulturellen Sozialisation mit in ein anderes Land. Sie lernen französische oder polnische Sichtweisen auf eine Wissenschaft kennen. Sie kommen nach Hause und wissen, dass die deutsche Methode Wissenschaft zu betreiben, nur eine Perspektive darstellt. Sie erkennen, dass sich die Wahrheit aus unterschiedlichen Zugängen unterschiedlich darstellt. Das meint Humboldt wenn er sagt, Wissenschaft könne nur im „Zusammenwirken“ der Menschheit entstehen[7] . Der Bologna-Prozess lockert die Grenzen zwischen den Staaten weiter: Durch die Mobilität im Bologna-Prozess sind mehr Perspektiven auf die Wahrheit sind möglich..

Der zweite Punkt in der Übereinstimmung von Humboldts Philosophie zum Bologna-Prozess liegt in seiner holprigen Umsetzung. Dass die Mobilität der Studierenden so reibungslos verläuft wie politisch geplant, kann nämlich sicher nicht behauptet werden. Ob ein Kurs der Universität Tallinn auch an der Universität Hamburg als gleichwertiger Studieninhalt anerkannt wird, hängt von der Kulanz des Dozierenden ab. Dass manche Universitäten bis heute keine Bachelorstudiengänge implementiert haben, jedoch ECTS-Punkte anbieten, ist ein weiteres Kuriosum. Genau diese Schwierigkeiten sind jedoch laut Humboldt  bei der Umsetzung einer politischen Gesetzgebung sehr wichtig für die Herausbildung einer Zivilgesellschaft. Das Wesen der Staatsbürgerin entfaltet sich erst im Ringen nach Freiheit im Rahmen der Gesetze. Staatliche Herrschaft reize die Menschen, da sie erst durch den Zustand der Herrschaft angeregt würden, über die Freiheit nachzudenken[8]. Der Mensch wird nach Humboldt erst glücklich, wenn er in den, durch die Gesetzgebung enstehenden, Schwierigkeiten eigenständig seine Freiheit sucht[9].

Übertragen wir diesen Gedanken auf die Gegenwart. Die Probleme in der Umsetzung des Bologna-Prozesses sind eine Folge der mangelnden Übereinkunft europäischer Staaten. Die fehlende Akzeptanz von Studienabschlüssen und Studienleistungen ist keine Angelegenheit, die ausschließlich die nationale Gesetzgebung betrifft. Den europäischen BürgerInnen, die ihre Freiheit im Rahmen der Gesetze erkämpfen sollten, steht somit die Herrschaft der europäischen BildungsministerInnen gegenüber. Somit sollte die europäische Zivilgesellschaft gemeinsam ihre Freiheit suchen und sich aktiv daran beteiligen, die Hindernisse im Bologna-Prozess zu beseitigen. Indem die betroffenen Bürger und Bürgerinnen sich für eine bessere Umsetzung des Bologna-Prozesses engagieren, werden sie länderübergreifend stärker miteinander verbunden. Durch das politische Engagement könnten sich die Züge einer europäischen Staatsbürgerschaft herauskristallisieren, denn erst die Suche nach der Freiheit liegt in der Natur der Staatsbürgerin. Der Bologna-Prozess kann somit helfen, eine europäische Identiät zu stiften.

Welche Erkenntnis kann uns Humboldt in Bezug auf den Bologna-Prozess heute geben? Gemeinsame Bildung ist das Schmiermittel für die Scharniere der Völkerverständigung. Je mehr Studierende in die Wissenschaft eingebunden werden und diese länderübergreifend  praktiziert wird, umso mehr wachsen wir als europäischen StaatsbürgerInnen zusammen.

Für einen ausführlicheren Beitrag der Autorin zu Humboldt und dem Bologna-Prozess, siehe die Onlinepublikation auf dem XXIII. Deutschen Kongress für Philosophie: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:6-12319647851 .
 
 Dieser Beitrag erscheint zeit – und wortgleich auf dem Blog der Sommerschule „Akademische Freiheit oder akademische Frechheit“ des Deutschen Historischen Institutes in Paris.

 

Fußnoten
[1] Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Nicole Gohlke, Diana Golze, Dr. Rosemarie Hein, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. – Drucksache 18/2424 http://bildungsklick.de/pm/92315/regierung-wertet-bologna-als-erfolg
[2] vgl. W. Humboldt 1810b/1964. S. 255 und vgl. Humboldt 1810a/1964, S. 239
[3]  vgl. W. Humboldt 1809a/1964, S. 234 „Durch die Einladung von Ausländern an die heimische Universität würde man die „Liberalität, (…) die in allen wissenschaftlichen Dingen herrschen sollte“ fördern, so Humboldt.
[4] vgl. W. Humboldt 1810b/1964, S. 256.
[5] vgl. W. Humboldt 1810b/1964, S. 255  Geistiges Wirken“ könne „in der Menschheit nur als Zusammenwirken“ entstehen, so Humboldt.
[6] vgl. Humboldt (1956, S. 93)
[7] Ebd.
[8] vgl. W. Humboldt (1792b/1988, S. 2–3)
[9] vgl. W. Humboldt (1792b/1988, S. 19)

 

Literaturverzeichnis
Humboldt, W. 1792b/1988. „Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“. In Wilhelm von Humboldt’s gesammelte Werke. Hg. W. de Gruyter. Bd. 7. Berlin: Georg Reimer.
Humboldt, W. 1809a/1964. „Bericht der Section des Kultus und Unterrichts an den König“. In Schriften zur Politik und zum Bildungswesen. Hg. A. Flitner und K. Giel, Bd. 4. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Humboldt, W. 1810a/1964. „Über Aufhebung des Verbots, fremde Universitäten zu besuchen“. In Schriften zur Politik und zum Bildungwesen. Hg. A. Flitner und K. Giel,  Bd. 4.Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Humboldt, W. 1810b/1964. „Ueber die innere und äussere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin“. In Schriften zur Politik und zum Bildungswesen. Hg. A. Flitner und K. Giel,  Bd. 4. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Humboldt, W. 1956. „Über die Bedingungen unter denen Wissenschaft und Kunst in einem Volke gedeihen“.  In Schriften zur Anthropologie und Bildungslehre. Hg. A. Flitner. Düsseldorf und München: Helmut Küpper vormals Georg Bondi.
Humboldt, W. 1809. „Antrag auf die Errichtung der Universität Berlin“. In Schriften zur Politik und zum Bildungswesen. Hg. A. Flitner und K. Giel,  Bd. 4. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
 

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